Ich lüg‘ nicht mehr so gern

Es ist was dran, statt zu sagen es ist wahr oder es stimmt, letzteren Satz-Anfängen sollt ich den rarerenn Gelegenheiten reservieren, fällt mir grad ein, Sonst werden sie albern und verschleißen rasch zum Repertoire. Denn beim Altern wächst die Klarsicht, ja komisch, nicht mehr die Tiefe, die ich als Jugendlicher dauernd suchte, die Klarsicht gewinnt allmählich die Oberhand. Ich sehe die Welt plötzlich anders. Die Leute, beobachte ich, besonders die meines Alters und darunter noch die nächste Generation, sie tun sich schwer damit, ihre vor langem gefassten Entschlüsse durchzuhalten. Das dachte ich neulich bei dem Geburtstag hier eines Künstlers, dessen Atelierküche noch einige andere Künstler bevölkerten. Maler, die sich durchfretten müsen, durch die Pein sich immer noch Maler zu nennen, durchfretten, obschon alle durchschlagenden Erfolge ausgeblieben waren.Jetzt kann man nicht mehr runter von dem Geleis. Jetzt heißt es durchhalten, sie wirkten ein bisschen müde, ihre Witzeleien schienen mir beinah erzwungen. Eine schöne schwarze Negerin (pardon, ich bin den Ausdruck gewohnt und liebe ihn) war noch darunter, sie blickte neugierig umher, sie war mit einem Proleten gekommen, einem Straßenmusikanten. Der ging gleich ans Buffet. Ich dachte plötzlich an einen anderen Künstler, einen Zeichner, der, als er die vierzig überschritt, noch absprang vom Künstlerdasein – was soll’s- und zur Computerbranche wechselte, wo er bald ordentlich verdiente, sich gut sitzende Anzüge kaufte und zum Chef einer Agentur aufrückte. Die Assistentin dort heiratete er auch gleich. Seine alte Freundin aus der Alternativszene schob er ab. Einen solchen Absprung hatten die anwesenden älteren Maler hier alle versäumt. Was haben sie nicht alles für Stile und Marotten mit der Zeit nachgeahmt, sie fanden einfach nicht das richtige Thema, oder wie kam’s denn, wie begeistert redeten sie vor 10 Jahren noch von der Kunst. Sie maßen sich selbst jetzt nach den Ellen der Ligaexperten, sie waren gerade mal obere Kreisklasse. Das sagten ihre Minen. Im Outfit aus der Garderobe der roten Flora.
Vor zwei Jahren hätte ich die Gruppe wieder mit der satirischen Klinge an die Wände geheftet. Old fashion. Plötzlich saber ah ich die existentielle Katastrophe, die sie nicht leicht nehmen konnten, nicht selbstironisch genug, trotzen sie nicht mehr ihrem Schicksal. Sie tragen schwer an einem alten Glauben, können ihn nicht abschütteln, sie schliefen ein beim Bier, ich machte mich aus dem Staub, schloss leis die Tür und summte ein altes Lied auf meinem Heimweg entlang.

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