Thilo Sarrazin

Hier ein Zitat Sarrazins zum Missbrauch des Rassismus-Begriffs:_
„Die beliebteste Verunglimpfungsmasche ist (…) der Vorwurf des Rassismus. Natürlich ist es stets richtig, nicht die eigene Gruppe zu überhöhen, um die andere zu verteufeln. Falsch aber ist es, mit einer Gleichheitsideologie die Existenz von Unterschieden per se zu tabuisieren bzw. als einizge Erklärung einen Mangel an Gerechtigkeit zuzulassen. In dieser Perspektive gibt es einen „Rassismus der Intelligenz“, einen „Rassismus des Geschlechts“, einen „Rassismus gegen Muslime“, und wenn man etwa auf die unterdurchschnittlichen PISA-Ergebnisse von Schülern türkischer Herkunft in Deutschland verweist, so ist dies selbstverständlich „Rassismus gegen Türken“.“
Wer möchte bezweifeln, dass an dieser Beschreibung etwas dran ist? Dass sie eine ideologische Tendenz erfasst?Natürlich diejenigen, die diesen Begriff des Rassismus so inflationär und andauernd gebrauchen. Die politischen Feuilletonisten.
Bettina Röhl, die Meinhoftochter, verteidigt Sarrazin in der „Wirtschaftswoche“ und bläst zum Angriff auf „die feuilletonistischen Propagandisten des politisch korrekten Mainstreams“. In Sarrazins Buch „der neue Tugendterror“gehe es um
die politische Korrektheit, um Denkverbote und „um die implodierende Meinungsfreiheit, die in den millionenfach gedruckten Exemplaren des Grundgesetzes mindestens noch auf dem Papier steht.“

Seltsame Sprachironie, in welcher hier Korrektheit und Rassismusvorwurf ineinander greifen wie früher die grausamen Russen das Fortschrittsrad der Geschichte zurückdrehen wollten, ohne davon auch nur etwas zu ahnen.
Nach Bettina Röhls Beobachtung erkennt man die „Mainstream-Propagandisten daran, dass sie stereotyp, wortreich, ein bisschen von oben herab näselnd, auf eine extrem dümmliche Art historisierend und in einer Lässigkeitsattitüde, die etwas Armseliges hat, behaupten, den offensichtlichen politisch korrekten Mainstream gäbe es gar nicht.“
Es geht also noch einmal um die Wurst, gibt es sie oder gibt es sie gar nicht? Die Attackierten leugnen es, spielen den dummen August, denn ihnen sei nur an der Objektivität ihrer Wirklichkeitsdarstellung gelegen. Gerade an diesem verstiegenen Anspruch gewahrt doch ein Taubblinder noch die offenbare Maßlosigkeit.
Frau Röhl aber behauptet, dass es den Tugendterror, „den furchtbaren, politisch korrekten Mainstream gibt und dass dieser Mainstream die Gehirne der Menschen und die ganze Gesellschaft vergiftet.“
Sie stellt sich auf Sarrazins Seite.Jetzt sehen wir uns plötzlich vor der Notwendigkeit, selbst zu denken, selbst den lärmenden Diskurs zu analysieren, der uns wie nass-kaltes Wetter umgibt.
Wollen wir das oder schlagen wir dieses Kapitel besser rasch zu, denn es hat sich mit dieser fatalen Zuspitzung eines Entweder – Oder, Freund oder Feind, wahrscheinlich schon als obsolet erledigt. Es ist nichts als ein spätes, verglimmendes Echo des kalten Krieges, dessen Aufklärung all diejenigen nicht zu Wege bringen werden, die noch an seinen Denkschablonen hängen wie an Mutters Rockzipfeln . Hie und da auch. Wer möchte noch zuhören, statt lieber ins Ausland zu reisen?

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Gegenwart und Literatur

In der Debatte um die echte, unerhörte Gegenwartsliteratur geht es wieder kreuz und quer durcheinander. Kraut und Rüben bestimmen die Geschmacksrichtungen. Nicht etwa die Frage: was ist ein literarischer Text, wodurch zeichnet er sich aus, sondern die Kümmernis, was muss und soll die Literatur leisten, erhitzt die Gemüter. Vorneweg poltert naturgemäß der Haudegen Maxim Biller, von dessen überflüssigen Ergüssen hier auf meinem Blog schon genug die Rede war. Aber er schaffte es natürlich wieder, dass die angegriffenen Feuilletonisten sich brav und erwartungsgemäß zur Wehr setzten. Sie wollen dem guten Menschen mit der wahren Herkunft nicht zu nahe treten, aber sich doch rechtfertigen. Denn auch sie meinen es ja nur gut. Dem Biller darf man ja nicht böse sein, denn wer will seinen privilegierten Feuilleton-Job andernfalls als Antisemit verlieren? Aber auch dieser moralinsaure Katzenjammer ergibt keinen Skandal und schon gar kein ernstes Drama mehr.

Der Gemeinplatz des Realismus spielt natürlich wieder eine Hauptrolle, als wäre dieser Begriff überhaupt noch denkbar, sie genieren sich nicht die obszöne Frage zu stellen: Bildet die Literatur die öde Wirklichkeit kritisch genug ab, wo sind der Fantasie als Medium genuiner Gesellschaftskritik die nötigen Grenzen zu setzen?
Als wäre jemand dieses Überblicks fähig und könnte von erhöhtem Posten über aller Leben und Schreiben Urteile fällen. Reich Ranicki glaubte das von sich, aber er ist ja nun tot.

Alles im Grunde uralte Kammellen, die schon die Eiferer vor 100 Jahren beschäftigten, als sie über engagierte Poesie und Poesie pur allerhand Unsinn verzapften, den sie jetzt wohl wieder aufbrühen wollen. Wozu?

Es ist wahr, eine Literaturkritik kann allenfalls so gut und so triftig sein wie die Literatur, auf die sie eingeht, um sie zu entdecken und zu analysieren. Da die Kritik heute langweilig und verstaubt wirkt, lässt sich der Rückschluss auf ein ungültiges Material ziehen, das im Ganzen viel zu wenig in Form gebracht ist.
Die Katze beißt sich also in den Schwanz, mediokre Literatur fordert keine innovative Kritik heraus. Diese verkommt, weil sie bloß Stoff statt berückende, unerhörte Formenvielfalt zum Gegenstand hat.
Das alles aber kann sich über Nacht plötzlich ändern, und die zur Schindmähre gerittene Gegenwart ist wieder einmal nichts als Makulatur.

Die deutschen Kommunisten und der Schlager

Stalins Genossen verrieten durch ihre Zensur des deutschen Schlagers,wie sie das Volk tatsächlich einschätzten,nämlich als saudumm und primitiv. Sie glaubten, dass die Arbeiter und Bauern, angeregt von den Songs Heinos, Rex Gildos und Peter Maffays,ihnen von der Fahne gingen, die jenen doch nie etwas bedeutet hat. Als Karel Gott in Ostberlin auftrat, musste er die Zeile: „einmal um die ganze Welt“ ersatzlos streichen. Der Text hätte das Volk zu einem reaktionären Aufstand anstacheln können, fürchteten sie, die deutschen Kommunisten. Sie trauten ihrem Volk keinen Deut über den Weg. Am liebsten hätten sie ihre Aufbau-Schlager von Honecker selbst singen lassen.
Aber das wäre auch nicht gegangen. Erich war nicht musikalisch, außerdem nie gut bei Stimme.

R. Götz-Szenestar und Dichter

Der Klassiker Schiller hat die Modernität als Ort der Sehnsucht nach der Natur verstanden. An diesem Ort will man fortwährend die Steigerung der Mittel, um den Schmerz des Verlustes in immer raffinierterem, frappanterem, verrückterem Genuss zu ertränken und auszuleben. Das stellte wenig später Friedrich Schlegel fest, Kritiker und Frühromantiker. Die Modernität war für beide notwendig, – für Schiller und Schlegel,- deutliche Daseinsstruktur..
Für Reinald Götz indessen, den Schillerpreisträger 2013, (dessen kurze Dankrede in der aktuellen Zeitschrift für Ideengeschichte abgedruckt ist,) ist die Modernität nichts als ein „geiler“ Super- Motor, der immer schneller, immer besser laufen muss. Die Modernität , wie Götz sie begeistert feiert, kennt nur eine innere Zerrissenheit, einen einzigen Tumult und Fortschritt, keinen Gegensatz. Götz glaubt Anciennität, einen Begriff von Tradition nicht mehr beachten, nicht erkennen zu müssen.
Für ihn ist Kunst nichts als hypermodern, die Gesellschaft im Innersten revolutionierend. Immerzu, rasend müssen die Texte sein, so Götz. Auf ein ungewisses, hochriskantes Ziel zu. Er favorisiert den Streit, er will mit allen anderen Schreibern den Krieg, die Vernichtung des anderen sei ein Gesetzt der modernen Kunst, das habe er bei Adorno gelesen.
Gut möglich, denk ich, dass man solches in entsprechender Stimmung bei Adorno irgendwo einmal herauslesen konnte. In den 70er, 80er Jahren im vergangenen Jahrhundert. Doch Adorno feiert weder Schiller noch die Moderne . Er fügt sich dieser, trauernd und beklagt, dass man im Höllen-Lärm der Kulturindustrie die Klassik und die alte Kunst kaum mehr verstehe.
Götz hingegen feiert den Fach-Freak am Schreibtisch, den Medienstenz, den Terminologen,der den Ton plötzlich findet für seinen neuen Roman, in dem alles mögliche untergekommen sei, als Splitterwerk der Gesellschaft: „ Streitige Bücher wollen wir schreiben, den Streit der Gesellschaft, den Krieg der Welten, das Zerfallensein in einzelne Funktionssysteme möglichst vielstimmig und reich in unsere Texte hineintragen.“

Hier spricht der Ingenieur, der Monteur der Weltteile, auch der Filmregisseur schaut um die Ecke. . Das Programm aber ist alt. Die revolutionären Russen hatten es schon vor hundert Jahren, Marinetti und später auch Benn und Brecht, auch sie redeten schon viel in diesem Vokabular der Fabrik. Götz bringt noch eine gewisse Lockerheit dazu, einen süffisanten Unernst und die Unbekümmertheit des poetry slam hinein, in seine schneidige Poetik. Im Grunde feiert er das irre Dasein im Medien-Kapitalismus, der ihm viele Schaufenster gibt, wo er wie ein Filmstar sich selbst immer neu maskieren und inszenieren kann.
Gleichzeitig muss er vermeiden, das gebietet ihm seine Klientel, wie ein Naiver zu jubeln, nein im Gegenteil, er ist doch Pessimist und will das Miserable, das Schwärzeste, das Ausweglose und pur Negative so radikal wie höchst modern zum Exzess der Wörter bringen.
In Wahrheit ist er ein Darsteller des Betriebs, der ihn macht und sich mit ihm schmückt. Und gewiss, er spielt mit, er will den honorigen Kulturleuten, die zu seiner Schillerrede gekommen sind, gefallen und zwar wie ein Star gefallen, dazu ist er zweifellos begabt. Aber er hat sie selbstredend auch ein bisschen kränken und zupfen müssen. Sein Streit-Thema, seine Literatur gehört zur Show, als deren Protagonist er seit langem eine der blendendsten Rollen spielt. .

Diskurs der Tugendbolzen

Sarrazins neues Buch ist da, und zwar gleich in einer Startauflage von 100 000 Exemplaren. Also der Rubel rollt. Bald werden die ersten Talkshows anlaufen, mit Sarrazin mitten drin und um ihn herum 5 bis 6 seiner Feinde. Sarrazin klagt darüber, zwischen Sachbuch, Statistik und Polemik, dass ein neuer Tugendterror herrsche, der die Meinungsfreiheit einschränke, in dem die Tugendwächter,meist linke oder halblinke Moralisten, die deutsche Sprache planmäßig verfälschten und gewisse Meinungen, wie etwa die Seinigen, ausgrenzten und tabuisierten.
Natürlich wird eine gewissse Elite, die Sarrazin nicht anerkennen und ihn keinesfalls bei sich aufnehmen will, die Großzügigkeit besitzen, ihn als verdächtigen Gegner zwar zu brand-marken, aber dabei mehr denn je gleichzeitig zu lächeln. Nicht dass Sarrazin nicht intelligent und alles nur falsch wäre,was er anbringt, werden ihm seine Gegner mit seriöser Gestik konzedieren, nur, werden sie schmunzelnd sagen, er rennt alten Idealen nach, er versteht die Modernität der neuen Epoche einfach nicht.(Irgendwie tragisch..)

Diese gewisse liberale Elite, die sich um die Zeitungen: die ZEIT,FAZ, Spiegel, die SZ usw. herum schart, wird Sarrazin nicht den Gefallen tun, sein Buch neuerdings zu skandalisieren.Und dieses Mal bei dem angeschlagenen Tugendthema-Ton wird Sarrazin kein Volk mehr hinter sich haben, denn der moralische Diskurs interessiert und tangierte noch nie ein breites Volk. Das Buch rührt kaum an nationale oder nationalistische Instinkte, wie bei seinem letzten Coup:„Deutschland schafft sich ab.“ Ich erinnere mich, das war für drei Sekunden eine nationale Aufregung, die sicher unwiederholbar ist. Die außerdem überraschend kam. Das Tugendthema jetzt, das lästige Problem mit der „politischen Korrektheit“ und der Gesundheitsideologie hat schon etwas Verjährtes, etwas von der gestrigen Zeitung im Singsang der Klage, die ja selbst keinesfalls anti-moralisch sein darf. Hier klagt ein Moralist gegen tausend andere, die eisern zusammen halten. Übrigens lächelnd. Ich denke: Nur die Satire könnte das Peinliche auf beiden Seiten aufdecken. Den beiden Lagern, früher einmal links und rechts, geht es um die Quoten und die Millionen, die mit jenen zu machen sind.
Also werden sie die geplanten Talkshows wieder herunter fahren, Sarrazin mit anderen Themen und anderen, bunten Gästen einladen und seine neue Buchsensation als ein Medienhäppchen unter anderen servieren. Dass es bei der 100- Tausenderauflage bleibt und sie nicht wieder in die Millionenhöhe hinauf wächst. Denn auch der Meinungsmarkt ist ein Markt, wo die Geschäftstypen herrschen, die dieses Mal dafür sorgen werden, dass Sarrazin nicht wieder – via Medien- die Volksmassen ergreifen kann.

Schadenfreude und Neid

Den einen, den meistens zu kurz Gekommenen und Erfolglosen, schafft der Fälscher Wolfgang Beltracchi Genugtuung, hat er es den Philistern der Kunstkritik und des Museums doch endlich gezeigt; welche auf ihn hereingefallen sind und jetzt als kümmerliche Schwätzer und Nichtskönner da stehen.

Bei den Kritikern und Experten auf der anderen Seite herrschen Wut und blanker Neid. Sogar aus der sonst so blümchenhaft zarten Rose-Maria Gropp spritzte aus jedem ihrer Sätze heute nichts als Gift. Nicht genug damit, dass der Fälscher und seine Geliebte in den großen Talkshows offen triumphieren dürfen, denn sie haben es ja geschafft, führten ein gutes Leben in Saus und Braus. Bei 3 nach Neun bedauerte der Fälscher zynisch, dass ihm sein letzter Coup leider missglückte, denn mit diesem hätte er sich mit 5 Millionen einen geilen Palazzo in Venedig leisten können. So frivol und hedonistisch lassen die vom Fernsehen den Betrüger reden, beschwert sich Rose Maria in ihrem nervösen Subtext.
Ãœber so viel Ãœbermut und selbstherrlicher Freude des Fälschers ist Rose Maria hellauf empört. Statt Buße zu tun, Abbitte zu leisten, wie es im moralisch zerknirschten Deutschland Sitte ist, freut er sich immer noch unverhohlen über seine gefälschten Meisterwerke, mit welchen er sich und seiner Geliebten ein Luxusleben gönnen durfte. Aus Rose-Maria spricht auch Mitgefühl mit ihrem berühmten Kollegen Werner Spieß, der sich jahrzehntelang als Max Ernst-Experte ausgegeben hatte und nun von Beltracchi aufs peinlichste blamiert und geradezu entwaffnet wurde. Rein-metaphorisch gesprochen. Der Fälscher riss ihm die getürkten Epauletten von seiner Kritiker-Uniform. Spieß kann sich nirgends mehr sehen lassen, ohne auf den Fälscher angesprochen zu werden. Der berühmte Kunstkritiker wird seine Traumhonorare von einst nie mehr erreichen können. Der mediale Triumph und Starruhm des Fälschers bringt die sonst so blümchenhafte Rose Maria Gropp schier aus der Fassung.. Auch gegen ihre Kollegen in der „Zeit“ mokiert sie sich, denn die machten dem Fälscher und seiner Geliebten auf mehreren Groß-Seiten des Feuilletons geradezu den Hof. Auch über die Journalisten im öffentlichen Fernsehen schürzt Frau Gropp ihre Lippen mehrmals voll Verachtung. Wie kann man nur einen Betrüger öffentlich bewundern und verehren? Was läuft da schief, hat Sarazin am Ende doch recht? Ist die Kunst nicht mehr heiliger, origineller als ihre Kopie? Solche Dinge mögen ihr durch den Kopf gehuscht sein, als sie ihre neidvolle Abrechnung schrieb,für die FAZ, wo übrigens auch Werner Spieß, der vom Fälscher meist Beschämte, immer ein hoch willkommener Autor war.

Aber das Schlimmste, woran Frau Gropp an ihrem Herrgott zweifeln könnte, wäre sie nicht linksliberal und natürlich auch agnostisch, wie man heute sagt,- das Schlimmste, wo sie sich gar nicht beruhigen konnte, wo sie beinahe die Regeln des seriösen Journalismus vergessen wollte, das Schlimmste: Dieses Betrüger-Pärchen ist auch noch ein Liebespaar. Sie lieben sich wie am ersten Tag immer noch, das gute luxuriöse Leben, das sie führen konnten, bewahrte ihre Liebe vor dem üblichen, hässlichen Gezänk um Geld und Anerkennung. Ist das nicht zum Haareausraufen-? – schreit es zwischen den Zeilen der Rose Maria Gropp wie aus einer engen Gruft heraus zum Leser, der in meiner Gestalt sich nicht aufraffen kann, der neidvollen Verurteilung des Fälschers durch die Feder der Frau Gropp, zu folgen. Im Gegenteil, ich bedauere, dass Beltracchi sein letztes Ziel, den alten Palazzo in Venedig, nicht mehr erreichen konnte, ich hätte ihn dort sehr gerne besucht, für ein Interview in meinem Tagebuch. Auch mit der Geliebten des Fälschers hätte ich gern in Süd-Frankreich, wo sie lange wohnten, ein Stündchen geplaudert. Sie ist noch immer eine schöne, fröhliche Frau.

Unsere Bilderwelt

Unsere Welt ist eine reiche Bilderwelt geworden. Reisen ist umweltschädlich und unnötig obendrein. Denn niemals werden wir die grandiosen Bilder erleben können, die wir in den Medien täglich bestaunen dürfen. Unsere Welt bietet sogar verschiedene Zeiten zur Besichtigung an. Wenn wir die Bilder der Ukraine sehen, fühlen wir uns in vergangene Jahrhunderte der Aufstände zurückversetzt, trotz der mit handys verzierten Barrikaden und Autoreifen, in denen altbacken und schäbig bekleidete Personen wie in einem malerischen Elend sitzen. Der Präsident ist auf der Flucht, seine Prachtresidenz ist verwaist und wird von armen, betrogenen Bürgern besucht und andächtig begangen. So hat er uns also betrogen, klagt der Volksmund. Der Krösus und Schmarotzer am Volkseigentum wird im Parlament als Ganove beschimpft und verflucht.
In Nordkorea herrscht indessen das blutigste Mittelalter, das es jemals gab, auch in Saudiarabien steinigt man immer noch Menschen, auch in Persien und China greift man gerne zu härtesten, grausamsten Strafen. Mafiabilder erreichen uns täglich aus Mexiko und Afrika.
Bei uns indessen wohnt die mächtigste Kanzlerin in einem bescheidenen Häuschen im Osten. Auch beim mächtigsten Gewerkschaftsboss kann man sich keinen Luxus-oder Prunkpalast vorstellen. Er wird höchstens in einem modernen Bungalow mit Doppelgarage seine Unterkunft bezogen haben.
Sicher, wegen der Staatsrepräsentanz fährt auch bei uns die hohe politische Klasse noch immer in soliden, edlen Dienst-Limousinen durch die Gegenden, doch privat für ihre Frauen und Kinder unterhalten sie meist sichere Opelfahrzeuge, aus Solidarität mit den Arbeitern in Rüsselsheim und anderswo.
Wir pflegen in unserem neuen Leben im Internet bereits ganz andere, viel modernere Träume. Viel Prominenz bei uns fährt vorbildlich, weil umweltbewusst, mit Schutz-Helm auf schicken Fahrrädern in die Innenstadt.
Gutes Bio-Essen aus regionalen Küchen fördert unsere Top-Gesundheit, der Sport erklettert einen allgemeinen Stellenwert, der einmalig ist in der Welt. Jeder öffentliche Raum wird Tag und Nacht von sanfter, kundenfreundlicher Musik beschallt. Sämtliche Tugenden tragen inzwischen einen hell-grünen Anstrich. Nicht mehr das Gute oder das Böse, sondern das Therapeutische und das Gutmenschliche bilden die Koordinaten unserer Weltanschauung. Unseres Grundkonsens.
Unsere Emotionen leben wir aus, um sie zu beobachten und in den Griff zu kriegen, wie man sagt. Es kann alles funktionieren, kennt man nur die Mechanismen gut genug. Inzwischen weiß jeder, wie der andere tickt, wenn er nicht gerade schwer krank ist oder seine Pillen vergaß einzunehmen.
Für unsere Persönlichkeiten gibt es tausend Anleitungen und Webinare, denn alles scheint möglich, wenn es nur verkäuflich gemacht ist. Sogar die Oper oder die sexuellen Heilanstalten,sgar unsere Soldaten können ihre Frauen und kleinen Kinder mit in den Krieg nehmen, ohne sie zu gefährden.Wir brauchen nur das zeitgemäße Outfit und die Fähigkeit des positiven Denkens. So lernen wir ja zu sagen, das große, grundsätzliche Ja, die große Utopie, die uns das ganze Leben von einer anderen ungekannten Seite her mit unendlich vielen Bildern und Medienangeboten präsentiert.
Wir leben in einem großen Wohlfühl-Film, an dem wir selber
mitbasteln können, während wir ihn konsumieren.
Das gab es wirklich noch nie.