Die Themen, bitte

sagte der Chefredakteur immer, der müde vor Ausgeschlafenheit und an seiner Kaffeetasse hängend, zu den Redakteuren. Diese platzten sofort los und bestritten ihre Vorschläge gegeneinander. Denn was könnte die Hörer, „unsere Hörer“, wirklich wieder einmal vom Hocker reißen, auf die Palme bringen, hammermäßig antörnen? Natürlich, nur ein Thema, und sei es das wichtigste, genügt allein nicht. Es muss skandalverdächtig sein. Wie wär’s heute mit Kindern? Schließlich werden in Deutschland jährlich Tausende von Kindern misshandelt, verletzt und sogar getötet, während Millionen anderer Kinder mit Bildungsnähe ihrer gut ausgebildeten Eltern verwöhnt, verhätschelt und zu Tode betreut werden. Sie müssen eines Tages mit ihren Erfolgen die Eltern noch größer herausbringen aus ihrer Anonymität, sie möglicherweise sogar reich machen. Es wird sich gewiss lohnen, in die Kinder viel Geld und Mühe zu investieren. Das liegt im Trend. Sie sollen in besten Bedingungen ihre Karrieren starten.
Aber das Thema haben sie doch alle längst abgefrühstückt. Der Spiegel, die Welt und alle, wirft Marco sofort ein. Der Chefredakteur nickt, nein, macht ihn auch nicht sofort wuschig, er wischt den Vorschlag vom Tisch.
Ältere Frauen- wie wär’s damit, meint Margit, die Moderatorin.
Wie, was ist mit älteren Frauen, gibt Heiko sich überrascht, was meinst du damit?
Ja, die Binka Mischa
Bascha Mika, korrigiert sie der Chefredakteur grinsend.
Ja oder so, jedenfalls diese ehemalige Chefredakteurin der TAZ hat darüber gerade ein Buch geschrieben und die Zeit hat dazu einen ziemlich abgehobenen Scheiß gebracht, wir könnten das ja ganz anders aufziehen..
Ältere Frauen, ich weiß nicht, sagte jetzt Elke, sonst für den Sport zuständig, was sollen die machen? Mutiger sein, Margit reagierte etwas aggressiv jetzt auf Elkes verächtlichen Tonfall..Du siehst auch schon ziemlich alt aus, dachte sie wahrscheinlich,während der Chefredakteur sich amüsierte über den kleinen Zoff..
Ist es nicht köstlich, wie sie um seine Gunst ringen, das war seiner Miene jetzt abzulesen.
Es entstand eine Pause. Wer würde als nächster seine Ideein den Ring werfen? Bisher kam nicht ein Hauch von Konsens auf. Weder die Kinder noch die älteren Frauen hauten richtig rein.
Ältere Frauen, resümierte der Chefredakteur jetzt die Stimmung, hatten wir nicht gestern erst die Mütter? Nein Kinder, unsere Zielgruppe sind doch vor allem die jungen Leute, die Aufsteigertypen sowohl, als auch das ganze Chilling-People.. er lacht – jung eben jung..
Helga, die Sozialtante stöhnte, sie fand den Chef grässlich eitel, sie konnte ihre Abneigung gegen ihn kaum verbergen, natürlich hatte sie auch ein Thema, ein ernsthaftes wie immer, aber das würde sie dem Zyniker heute nicht zum Fraß vorwerfen..
Da kam Walter aus der Deckung, gleich mit einem Witz über die Vergreisungstendenzen der betreuten Jugend;.. der Witz kam nicht an. Also nein, jetzt ernsthaft, riss er sich zusammen, schnellte aus dem Sessel mit dem Oberkörper super nach vorne und der rechten Hand in die Höhe, als wolle er sich wie in der Schule melden..Nein ernsthaft, setzte er noch einmal an, Thema Fußball, der klassischr Mittelstürmer stirbt aus, man braucht ihn nicht mehr, man spielt nur noch mit hängenden Spitzen.
Wie bitte? Die Menge wusste nicht, ob Walter wieder einen Spaß ausprobiert oder ob das Thema wirklich brandeu sein könnte? Was verstand Walter denn vom Fußball? Er redet doch sonst immer nur über Kunst und Politik..
Elke, die Sportlerin war gefragt, sie macht ein verkniffenes Gesicht, als ob sie schmerzhaft nachdenke..
Der Chefredakteur steckte sich jetzt eine Zigarette an und bügelte das Thema ab, er hasse den Sport, Mist, Sport, vor allem Fußball, nein, nein..
Er gab sich enttäuscht und den Redakteuren das Gefühl, dass er ein bisschen mehr erwartet hatte. Jetzt müsse er eben wieder selbst recherchieren, er schickte die Horde hinaus und rief gleich in Berlin an, im Haupstadtstudio. Mit Gerd, dem Chef dort, hatte er eh noch einiges Private zu besprechen. Sein junger Sohn Mario weilte zur Zeit in Berlin. Außerdem musste er Gerd schon einmal klar sagen, dass die alte Tante, die er dort im Sender beschäftigt hielt, die olle Friedmann, ihm schrecklich auf die Nerven geht. Sie klingt wie ein kaputter Blechofen, Gerd. Ehrlich. Wir haben junge Hörer, Gerd, das weißt du.
Die Redakteure verliefen sich etwas ratlos in den zwei Stuben.

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