Der Redenschreiber

(Erste Notizen und Gedanken.)
Ich soll eine Abschiedsrede für einen Mediziner verfassen, der über 30 Jahre lang erfolgreich als Oberarzt und Operateur an einer Klinik arbeitete und jetzt gehen muss, da er das Pensionsalter deutlich überschritten hat. Normalerweise ist das kein Problem, man erfindet elegante Formeln des Dankes an Kollegen und Mitarbeiter, lobt noch einmal in dezenter Weise die Geschäftsleitung und plaudert ein bisschen aus der Erfahrungstasche.
Schön, an dieser Stelle machte sich ein Bonmot sehr gut, eine kleine Humoreinlage, dass das Auditorium erst einmal lachen darf, bevor der Redner dann zu einem besinnlichen Rückblick auf die Jahre der gemeinsamen Arbeit mit Kollegen und Patienten anhebt. Hier könnte die Reflexion auf die tiefere Erfahrung im Beruf von einer glücklichen Begegnung mit einem Patienten erzählen, in einer denkwürdigen Anekdote gipfeln. Ein Erzählmoment trüge Heiterkeit in die anschließende Überlegung, die aus der Anekdote hervorgeht.
(Jetzt eine kleine Pause. )
Perspektivenwechsel auf eine mögliche Innovation, eine Strukturverbesserung für den Modus operandi.Ähnliches.
Der Redner geht nicht in den Ruhestand, ohne einen letzten Vorschlag zu machen, wie man das Potential der Klinik im ganzen noch besser, noch weiter ausschöpfen könnte. Denn, sagt er, wer Arzt mit Leidenschaft ist, kann nie aufhören Arzt zu sein. Er stirbt zuletzt noch in seiner Berufung.
((Der tiefste, schier theologische Punkt der Rede.))

Jetzt erfrischte ein Aphorismus über die Heilkunst die Atmosphäre am besten. Ein alter origineller Satz des Paracelsus, Montaignes, Shakespeares. Damit ruft der Redner nämlich erhabene Geister hinter sich. (Pause.)Jetzt darf er plaudern, persönlich werden, aber nie jovial. Undsoweiter, hier fände sich leicht ein Abschwung zum Schluss.
Doch mein Redner ist ein halber Patient. Nach dreißig erfolgreichen Jahren an der Klinik wurde er in den letzten zwei Jahren immer mehr isoliert. Die Geschäftsführung machte eine Andeutung darüber, ob er für die Patienten nicht allmählich zu alt wäre. Kurz der Redner kam in ein Dunkel, in eine düstere Atmosphäre und fühlte sich nicht mehr wohl. Kollegen, die ihm zuvor vertraut waren, mieden ihn plötzlich, als habe er eine tödliche geheime Krankheit, von der er als einziger nichts wusste. Was hatten sie plötzlich alle gegen ihn, was warf man ihm vor. Er wartete darauf, dass ihm das eines Tages gesagt würde. Aber nichts, Schweigen. Wie soll er nun eine Abschiedsrede halten, so tun als ob alles völlig normal schließlich verlaufen wäre, verdrängen, nochmal vertuschen, was die anderen die letzten zwei Jahre schon vertuschten? Nein, das sollte er nicht tun, er muss diese dunkle Sache ansprechen, aber wie? Auf keinen Fall darf er die Rolle des Beleidigten auch nur andeuten, auch die Figuren Rächer, Ankläger, Kritiker dürfen überhaupt nicht in Erscheinung treten. Ich muss in Worten und im Tonfall eine Gelassenheit erzeugen, aus der heraus er dann immer wieder auf dieses Dunkel zu sprechen kommt. Er spekuliert über mögliche Gründe, Missgunst tritt oft aus verborgenen Quellen des Neides hervor. Jeder ist ja nicht Herr, sondern eher Gefangener seines Charakters. Das erleben wir ja oft,sagt er jetzt beinahe großzügig, seine größere Erfahrung mit allen zu teilen, Konsens herzustellen im Auditorium. Er hat sein Unbehagen, seine trübe Befindlichkeit in den letzten zwei Jahren jetzt deutlich gemacht.
Seine Souveränität besteht jetzt in der Kürze, mit der er diese dunkle Materie abschließt. Das ist die schwierigste Klippe für mich als Redenschreiber und Rhetoriker. Hier muss ich ein Zitat finden, das so zweideutig wie nur möglich ist. Wahrscheinlich finde ich es wieder bei Jerzy Lec, dem genialen Polen oder bei dem Philosophen aus Kolumbien.
Von da ab wird’s leicht. Jetzt kann ich gute Laune verbreiten. Die Zukunft im Ruhestand, der natürlich keiner ist. Der Oberarzt hat bereits bei einer Privatpraxis angedockt, dort wird er in Zukunft weniger aber weiterhin Patienten betreuen und operieren. Von wegen zu alt, hier noch ein kleiner Schlenker zum Jugendwahn, dann gute Wünsche für die Kollegen und die ganze Klinik.
Das war`s? Nein, noch ein letztes Zitat vielleicht von Franz Schubert, der einmal sinngemäß sagte: Was sollen wir mit dem Glück anfangen, wo wir doch alle Reize aus dem Unglück bekommen.

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