Die sog.Bildung

die Bildung ist heutzutage ein billiges Thema geworden, zu dem jeder Hinterbänkler so seinen eigenen Most beiträgt. Bei diesem weichen Allerweltsthema(soft skill) kommt es nicht so drauf an, was einer hier und da mal sagt. Und so war es gar nicht verwunderlich, dass in Baden Württemberg, dem Land der MINT-Kompetenzen, Herr Andreas Stoch ins Bildungsministerium aufrücken konnte. Herr Stoch ist ein netter Mann, der es sicher jedem recht machen will, der Vieles versteht durch gründliches Abwägen auch externer Meinungen. Jetzt geriet er wegen einer Prüfungsliteratur für Realschüler ins Schwitzen. Denn irgendein Schlaumeier, der es gewiss auch gut meinte, wählte als Prüfungsliteratur das Buch eines Spiegelredakteurs aus. Das erregte spontan einige christlichen Kreise, die ja seit langem wissen, wie der SPIEGEL zum Christentum steht. Also protestieren sie und Herr Stoch wollte dem Protest nicht einfach nachgeben, zumal er die anstößigen Stellen im Buch des Spiegelredakteurs gar nicht so schlimm findet, wie die genannten christlichen Kreise. Doch ist diesen gegenüber natürlich Rücksicht zu nehmen und so beschloss Herr Stoch diesen Leuten eine Alternative anzubieten: Max Frischs Andorra. Ein Rührstück zum Lächeln, das Ganze. Nicht wegen Max Frisch allein, sondern weil Herr Stoch bei dieser Gelegenheit seine honorigen Ansichten zur Literatur und ihrem Bezug zur Lebenswirklichkeit heute, frei und stolz ausführen durfte. Herr Stoch redet nicht allein zum Buch des Spiegelredakteurs und zu den christlichen Kreisen, sondern auch ins Grundsätzliche, zu Gegenwart und Klassik : „ Werke, die der Klassik zuzurechnen sind, eignen sich als Prüfungslektüre, wenn ich Bezüge zur Gegenwart herstellen kann. Deshalb ist es mir so wichtig, dass Jugendliche in der Literatur etwas erkennen können, das sie spannend finden.“
Man spürt sogleich, Herr Stoch ist ein gutmütiger Mensch, er möchte unbedingt eine Verbindung hergestellt wissen, zwischen der heutigen Jugend (Gegenwart) und den Werken der Klassik. Das wollte der Kultusminister in meiner Jugend auch, freilich mit einer vollkommen anderen Begründung. Wir sollten in klassischen Werken geschlaucht und geschliffen werden, im Sinne der MINT fächer heute. Aber das klappte damals alles nicht, weil die Lehrer die klassischen Werke selbst nicht sehr liebten. Sie hörten, da sie ehrlich waren, lieber die Beatles, als dass sie sich gründlich hätten noch auf Schillers Wallenstein vorbereiten können. Auch liefen damals die ersten erotischen Filme im Kino, die unsere Lehrer im Nachbardorf anschauten, um nicht von uns Schülern erwischt zu werden. Unsere Deutsch-Lehrer waren damals die ersten modernen Menschen nach der Nazizeit, sie waren Fans der Moderne, lasen Böll und James Joyce und hatten, um es locker zu sagen, keinen großen Bock auf Klassik, die allerdings wie eisern noch immer auf dem Lehrplan stand. So mussten wir selber schauen, wo wir Spannendes finden in der Klassik. Das war besser als heute, da man den Schülern die Klassik durch Lehrkräfte spannend machen will. Wir leben im Zeitalter des betreuten Lebens. Natürlich.Auch Herr Stoch will ja sowohl die modernen Spiegelleser als auch die christlichen Kreise – alles seine potentiellen Wähler, – nicht unbetreut im Regen der Gegenwart stehen lassen. Herr Stoch ahnt wahrscheinlich nie, wie drollig ich seine guten Meinungen finde. Und ich meine das auch ganz gut, ich finde Herrn Stoch sehr nett, auch seine Alternative Max Frisch Andorra ist doch zum Schießen drollig. Finden Sie nicht? In diesem Frischstück erklärten unsere Lehrer damals die Gefahren des Nationalsozialismus, den andere ältere Kollegen, besonders in den MINT-Fächern, ganz offen noch immer verkörperten.
Heute dagegen, wo die jungen modernen Lehrer grün sein werden und ihre älteren Kollegen vereinzelt noch der CDU anhängen und den christlichen Kreisen, stelle ich mir die Situation der Schüler schwieriger vor. Zwar ist die ganze Klassik ohnehin auf ein einziges Werk reduziert worden inzwischen, und die MINT Fächer sind so verdammt anstrengend, dass sie ihre Spannung überall suchen werden, nur nicht in der Literatur; ganz gleich ob die jetzt vom Spiegel kommt oder von – sagen wir nicht mehr Frisch, – er ist nicht mehr so neu- sagen wir von Peter Handke oder von Ulla Hahn stammt. Es kann nicht anders sein, in der Auswahl der Gegenwartsliteratur als Prüfungslektüre hat noch jede Kultusbehörde daneben getroffen. Zu jeder Zeit. In der Adenauerära las man in der Oberschule den Faust und für die Gegenwart Rudolf Alexander Schröders „deutsche Oden“ in den Gymnasien und in den Realschulen meinetwegen: „ Der Arzt von Stalingrad“ von Heinz Konsalik.( Was würden unsere Migranten dazu heute sagen…?)

In der Willy-Brand Epoche blieb’s beim Faust und für die damalige Gegenwart ließen sie Biermann, Günter Grass und Hans Enzensberger antreten. Man sieht ständige Fehlgriffe, im Blick auf die Jugend. Nichts ist für die Schulpolitik schwieriger zu verstehen als die jeweilige Jugend. Dieser Irrtum folgt einem geheimen Gesetz scheinbar, da wie die Jugend auch die Poesie der Gegenwart für diese, als Umwelt und Stoff der Poeten begriffen, kaum zu erkennen ist. Deshalb ist es besser und sicherer, auf die bewährte Klassik zu setzen, von Schiller bis Goethe; streng nach den Regeln der MINT Fächer abgeprüft, da kann nichts anbrennen, verstehen Sie? Die Jugend hatte es noch nie leicht hierzulande. Aber seien Sie sicher, Herr Stoch, mit der Klassik machen Sie nichts falsch, Gegenwart hin oder her, da gibt’s auf alle Fälle keine Proteste mehr aus christlichen Kreisen

Jugendliche von heute, wissen Sie, können, wenn sie nicht im Elternhaus schon etwas von Shakespeare oder von Adalbert Stifter gehört haben, nicht einfach Peter Handke spannend finden. Da irren Sie sich, Herr Stoch, das stellen sie sich zu einfach vor. Spannung findet der Jugendliche nach wie vor im amerikanischen Kino, in den Charts der Musik und in den diversen Drogenszenen.
Die wenigen Ausnahmen lesen ohnehin eines Tages Shakespeare und Marcel Proust, aber sicher nicht Biermann, oder Andorra oder Julie Zeh. Da haben sie mit ihren Pflichtlektüren in der Schule, Herr Stoch, keinerlei Einfluss. Schade? Ich glaube nicht. Aber es war nett und amüsant wieder mal ihre Ansichten zu hören. –

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4 Gedanken zu “Die sog.Bildung

  1. Ja, hatten die denn da in Baden Württemberg keinen „Homo faber“ zur Hand? Statt dessen „Ich weißle, ich, weißle, ich weißle meines Vaters Haus…“ – Andererseits finde ich das alles nicht tragisch. Im Gegenteil. Pflicht- oder gar Prüfungslektüre ist doch Schülern für den Rest ihres Lebens dermaßen verleidet, dass man in der Wahl derselben gar nicht abseitig genug sein kann.

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  2. Au weia, ausgerechnet der Serbienapologet und geborene Langeweiler Peter Handke und die herumlyrikende Reich-Ranicki-Muse Ulla Hahn mit ihren sprachlich bescheidenen Prosasüppchen sollen jugendliches Spannungsbedürfnis befriedigen? Denn wenn schon Klassiker – wogegen nichts grundsätzlich einzuwenden wäre – , dann doch eher etwas, mit dem sich mühelos ein immer aktueller Zeitbezug herstellen lässt: Sowohl das Dauerthema Liebe und die Heuchelei der Frömmler als auch das blutige Wüten eines entfesselten Mobs. Kleist hat das meisterlich in seiner Novelle „Das Erdbeben in Chili“ bearbeitet.

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