Sine ira et studio

( das ist dieses unzeitgemäße Latein, wer’s nicht kennt, kann’s gleich googeln.)
aber was wollt ich sagen? Das Internet, vor kurzem noch gepriesen von Sascha Lobo, der Netzkapazität mit dem Irokesen-Schnitt, als brächen paradiesische Urständ rein- virtuell und künftig aus, jetzt von demselben als kaputt bezeichnet, ja es ist schon was dran. Man kann soviele neue Sachen machen, allein mit den Apps, so schön spielen und die Zeit vertreiben, aber man wird eben auch vorgeführt, ausspioniert, seines Privatlebens beraubt. Es ist wie mit dem einfachen Messer, man kann Gemüse schneiden damit für ein gutes Mahl, doch man kann auch seinen Nachbarn erdolchen, im Handumdrehen.
Es ist nicht wie mit dem Wasser, einer einwandfreien guten Sache, die als unser Urahn, der Neandertaler zum ersten Mal an eine Quelle kam, sofort als gut, nützlich und gesund erkannte. Er musste gar nicht Bio drauf schreiben, wie wir heute fast auf allen Dingen eine Art Natur-Stempel hinterlassen müssen.
Das Internet ist nicht echt, es ist eine Vorhölle, in der sich Massen von Zukurz- Gekommenen Luft verschaffen. Meist ist sie heiß oder wird als heiß verkündet. Wie jetzt bei dem netten Herrn Lanz vom ZDF. Er strengt sich so an, nett und professionell rüberzukommen, wie man sagt. Er kriecht seinen berühmten Gästen so gekonnt in den Hintern, um dann unverhofft den investigativen Typus zu geben, der hart nachhakt, den Berühmten sogar penetrant ins Wort fällt. Diesen netten Herrn Lanz hat jetzt eine Masse von Neidern banden-mäßig überfallen im Internet. Sie sammeln Unterschriften: Weg mit Lanz. Die offiziellen Massenmedien, also BILD, Spiegel, ZEIT undsoweiter finden diesen Auftritt unseriös, ja pöbelhaft. Wenn gegen Herrn Lanz etwas gesagt werden sollte, schreiben sie, dann bitte seriös, auf einer angemessen argumentativen Diskurshöhe, so wie heute der bekannte Kritiker Bartetzko, (der selbe hat übrigens die neue Ulmer Mitte über den Klee gelobt und gefeiert und) der doch tatsächlich schreibt, dass unser nationales Entertainment-Niveau früher besser, großartiger war. Also zu Zeiten Katharina Valentes, etwa, oder denken wir nur an die legendären Hörbigers, an Peter Alexander, oder an das hohe Niveau der Vertrottetheit eines Hans Moser. Heute dagegen, klagt Bartetzko, gut, räumt er sofort ein, eine Helene Fischer, ein Justin Biber, nicht dass sie nichts könnten. Nein, sie können etwas. Aber wo bleiben heute die Persönlichkeiten im Schlagergeschäft?
Aber verehrter Herr Bartetzko, wo fehlen die Persönlichkeiten heute nicht, in der Presse? in den Medien findet man sie da zuhauf? Seien sie redlich, wir leben im Zeitalter der Simulacren, der Wiederholungen und Nachahmungen. Alles, selbst ein Präsident wie Gauck erscheint noch wie sein Imitat. Er ist jedes Mal so erwartbar Gauck, dass man sich wie in einem amerikanischen Film vorkommt.

Ich denke, allein die Darsteller sind es nicht, die den Mangel bewirken.
Es stimmt etwas nicht mit dem Licht in der Öffentlichkeit, das Licht ist zu schwach und verfehlt, da greifen plötzlich auch die Strukturen und institutionellen Gebräuche und Sitten ins Leere. Es klingt alles fürchterlich schräg und verstiegen. Vernünftig scheinende Realpolitiker wie Helmut Schmidt verwandeln sich plötzlich in raunende Märchenerzähler. Der alte knorrige Scholl Latour tritt hinzu und stellt Fragen, als wäre er Tacitus, als hätte er mit Karl dem Großen schon im Zelt gesessen und wie unter Männern debattiert.
Es wirkt heute vieles wie in einem Breitwandfilm, als träte gleich Benhur aus der Kulisse inmitten die Medienrepublik.. Oder es ist nett und locker die Atmosphäre wie bei Herrn Lanz.
Dieser Markus Lanz ist für mich ein Erkennungszeichen, ein Signal der Epoche. Jenseits von gut oder schlecht. Hätte ich mehr Zeit, könnte ich spontan eine soziologische Studie über den Phänotyp L. verfassen.
Ich sehe ganz neutral auf diesen netten Herrn, ich verzeih ihm sogar sein idiotisches Klaviergeklimper, ich sehe durch ihn hindurch auf seine Fans, auf meine Tanten, auf die Lehrerinnen meiner Kinder, auf die gestresste Geschäftsfrau, die mit ihrem Mann, der gerade einschläft, sich noch eine Portion Lanz reinzieht. Vor dem Zubettgehn.
Der nette Lanz kann nichts dafür. Er war eben nie in einem Krieg. Und wir müssen endlich aufhören mit dem Aberglauben, dass nur im Krieg Werte wie Authentizität und Persönlichkeit entstehen können. Auch das ein Märchen aus der Antike, in die wir nie mehr zurückkehren können.

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