Erwischt- im schwarzen Heft

Der Denker Heidegger stellte die moderne Entwicklung, deren unheilvolle Anfänge er bereits in der frühen Neuzeit entdeckt, radikal in Frage-. Die Entwurzelung und nihilistische Welt-Verwüstung, an die wir Heutigen uns längst gewöhnt und sie somit kollektiv verdrängt haben, erschien ihm wie ein Fluch, der ohne Heilseinwirkung eines Wunders nicht zu überwinden wäre. Sein Pessimismus gegen die Moderne ließ ihn anlässlich einer Rede 1949 im Bremen sagen: „ Der Ackerbau ist jetzt motorisierte Ernährungsindustrie, im Wesen das Selbe wie die Fabrikation von Leichen in Gaskammern und Vernichtungslagern, das Selbe wie die Blockade und Aushungerung von Ländern, das Selbe wie die Fabrikation von Wasserstoffbomben.“
Starker Tobak ?- Hinter diesen Verwüstungsindustrien versammelten sich für ihn die Akteure scheinbar gegensätzlichster Ideologien: des Bolschewismus, des Amerikanismus, des Liberalismus, um vom Nationalsozialismus gar nie mehr zu reden. Allesamt Dämonen der Moderne.

Verwunderlich deshalb auch, dass der fundamentale Denker Heidegger, der Exeget des deutschen Dichters Friedrich Hölderlin, ein Liebesleben führte, welches erst in der Moderne öffentlich bekannt und fast legitim geworden ist. Er hatte während seiner langen Ehezeit mit Elfride mehrere Liebesaffären, mit adeligen Damen, mit interessanten Humanistinnen, mit Raucherinnen und sogar mit einer bis heute welt- berühmten Jüdin und Philosophin. Er führte also in althergebrachter Sitte, in heimatlicher Tracht angetan und in Holzhütten hausend, ein sehr modernes Seitenspringerleben.

Demnächst, im März kommt seine letzte Schrift, bestehend aus Notizen, sein sog. „schwarzes Heft“ heraus. Es war im Besitz Silvio Viettas, des Sohnes von Egon und Dory Vietta. In Heideggers Affäre mit Dory zerbrach die Ehe der Viettas. Nach dem Ende starben die beiden Eltern Silvio Viettas schon früh und Heidegger kümmerte und sorgte sich um den Letzteren und seine kleine Schwester.

In dem schwarzen Heft, worin Heidegger kurz nach dem Krieg auf seine anfängliche Verirrung in den Nationalsozialismus reflektiert und auf das Unheil des rechnerischen, technischen Denkens, äußert er sich auch über die Juden. In ihnen erkennt er die Avantgarde des rechnerischen Denkens und des Nihilismus. Das löste sofort ein Mordsgeschrei aus, mitten in Paris und New York und zwar bevor das schwarze Heft erschienen ist. Es kommt, wie erwähnt, erst im März heraus. In Frankreich wurde von einigen Auguren der Presse auf der Stelle Antisemitismus diagnostiziert, eindeutig, Heidegger bekenne sich in dieser Schrift klar als Antisemit. Auch hierzulande übernahm man diese Schmähung sofort in ZEIT und Spiegel und nur wenige unserer „großen Klappen“ halten sich noch etwas zurück.

Ich erkenne in dem Medientumult, in der Aufregung die deutsche Erbkrankheit , die jede Äußerung über Juden, die nicht wohlwollend, für sie günstig und lobwürdig ausfällt, sofort jemand verdächtigen heißt. „ Ertappt“, hallt es durch den öffentlichen Raum.
„ Wenn er das so gesagt hat, dann sind wir fertig mit ihm.“
„ Von einem Antisemiten lassen wir uns nie mehr etwas sagen“.

Als ob Heidegger schon in den 30er und 40er Jahren hätte unsere heutige, einzig humanistische Einstellung zu den Juden haben und denken müssen. Als ob er je uns, den Modernen, hätte gefallen wollen?
Die Freiheit des Denkens kennt kein Tabu, fürchtet keinen Fluch, auch nicht den des Anti-Antisemitismus.
Heidegger war ganz gewiss kein Antisemit, auch nicht da, wo sein kritisches Urteil
die Juden direkt betrifft. Hannah Arendt hat sich nie von ihrer Liaison mit Heidegger distanziert, und sie war keine gewöhnliche Deutsche, sondern eine Jüdin und politische Denkerin.
Wem das als Argument zu schwach ist, der studiere die Geschichte des Antisemitismus, dann wird jedem klarer, dass auch jüdische Dichter und Denker gegen das geistige Judentum schrieben und handelten. Dabei denken wir an Theodor Lessing, Karl Kraus, Weininger und einige andere. Diese Abtrünnigen aber wird wohl niemand des Antisemitismus verdächtigen wollen.
Der heutige Antisemitismus und Anti-Antisemitismus (oft mit Philosemitismus verwechselt) ist im Gegensatz zum früheren, der ein unheimlicher und offen verbreiteter Antisemitismus war, ein heimlicher geworden. Ein verbotener Strand des Denkens.
Das Wort Antisemitismus ist darum fast unbrauchbar geworden, es müsste entstaubt und enttabuisiert werden. Aber dazu ist es noch zu früh, vielleicht auch schon zu spät, wenn ein Teil der Migranten heute nur wenig Skrupel kennt, den offenen alten Antisemitismus ungeniert wieder zu verbreiten und mit Kalauern zu versorgen..
I
In diese Zeitstimmung hinein platzt nun das schwarze Heft Heideggers.
Die Kritik und das Marketing treffen sich bereits zu Strategiediskussionen, wie man uns am besten durch die übliche Medienheißmangel schleudert und uns beibringt, das Heft zu lesen. Soll eim Demokrat so etwas lesen, wozu? Oder: Was wir gleich wissen müssen, bevor wir noch zu lesen beginnen. Und welche Zielgruppen von dem Phänomen gar nicht erst zu berücksichtigen sind. Etwa die Schulen und Hochschulen. Dort im kühlen Ambiente der Rechner und der Messbetriebe könnten die Notizen Heideggers nur Verwirrung stiften und die Mitarbeitermotivation im Ganzen schwächen.
Ich bin gespannt, ob das schwarze Heft in einer Extra-Stern Nummer durchgebnudelt wird, oder sogar in der Tagesschau vor ihm gewarnt wird. Ob Gauck selbst versöhnende Worte findet auf Frau Maischbergers Sofa….

Sicher, man kann die Person Martin Heideggers, oft maskiert als provinzieller Waldschrat und Holzhüttenbauer, klein reden und kleiner machen, einige seiner Gedanken aber sind nie mehr zu verscheuchen, nie zu vergessen. Wie etwa sein Begriff der „Seinsvergessenheit“. Sie trifft uns ins Herz, erweckt den Geist der Opposition stets von neuem.

Advertisements

Ein Gedanke zu “Erwischt- im schwarzen Heft

  1. Gute Darlegung. Erstaunlich, so etwas im Internet zu finden! Heidegger löste sich schon als junger Mann vom Christentum und dessen Lehre vom Juden als teuflischen „Gottesmörder“. Die biologistische Lehre der Nazis von den Juden als Teufelsrasse ist nach Heideggers Philosophie primitiv: Der Mensch kann in seinem Wesen niemals wissenschaftlich-technisch erklärt werden. Hitler, der sich als Bergbauer tarnte, war der moderne Technikfanatiker schlechthin: Blitzkrieg, technische Vorrangstellung Deutschlands, technische Vernichtung Minderwertiger, Wunderwaffen, neue Technik-Großstädte, Technik der Rassenzüchtung usw. – eigentlich das Gegenteil zum antimodernen Heidegger. Heidegger, der allseits bekannte Nazi, der noch im hohen Alter Gedichte für seine jüdische Freundin schrieb – komisch, dass keine Gebildeten in Deutschland die Widersprüche erkennen!

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s