Irrlicht und Schmerz

Ich habe jetzt eine ganze Weile lang den Verkaufsmenschen und Marketing-Cracks zugehört, auf ihre Tricks geachtet, auf ihre psychologischen Fallstricke, die sie überall auslegen. Einige sind darin sehr geschickt und ich glaube ihnen gern, dass sie sehr erfolgreich sind und viel, viel Geld verdienen. Sie wissen, dass die meisten Leute anderen Menschen gerne zuhören,wenn sie von ihren erfüllten Träumen erzählen. Diese ähneln oft den nicht erfüllten Wünschen der Vielen. Und im Internet kann man diese siegreichen Menschen auch noch sehen. Manche sehen aus wie Vollzugsbeamte, mit Anzug und Krawatte, steifem Blick, Brille häufig sogar. Denn manchen ziert oder steht eine Brille ausgezeichnet. Selbst Glatzen und Haarausfall können bei erfüllten Träumen äußerst seriös wirken, fast eine Garantie für Erfolg versprechend.
Kurz: Wir sind in der Welt des Geldes, des wachsenden Reichtums. Fantastische Strände,wunderbare Landschaften und Urlaubsdomizile reizen und überreden den Kunden zu Verkauf und Vertrag.
Ich glaub es ihnen, wie gesagt, gerne. Sie sind im Geschäft, sie haben ihr Auskommen, sie steigern die Rendite, sie sind im Kommen, morgen wird es nicht mehr so einfach sein, bei ihren Geschäften mitzuwirken, als Assistent am Telefon, als Kunde und Mitarbeiter. Die Geschäftsmodelle ähneln einander, und egal ob sie für Lebensmittel werben oder für Lederwaren, sie bekommen als Kunde alles zum besten Preis und als Mitarbeiter sogar ein passives Einkommen. Dieses Einkommen ist grandios, die Moderatoren stellen diesen Gewinn immer als schönen Traum vor. „Angenommen“, sagen sie, „Sie machen gerade Urlaub vier Wochen, sie sind vollkommen relaxed, gehen schwimmen, liegen in der Sonne und zu Hause – Sie können das auf ihrem smartphone kontrollieren, -Sie werden sich wundern: Zuhause klingelt es in ihrer Kasse. Sie verdienen Geld, während sie nichts tun als sich zu vergnügen. Sehen Sie, das ist passives Einkommen, ist das nicht fabelhaft? Und es ist nicht unerreichbar, im Gegenteil..“

Die Rhetorik ist klar, sie erregt die Sucht nach mehr. Davon versteht der typische Beamte natürlich nichts. Er nimmt den Weg nach oben über die Hintertreppen. Er kungelt mit Kollegen und fällt den Vorgesetzten auf, durch Linientreue und
Emsigkeit im Büro. Von da an geht es allmählich nach oben. Der langsame Aufstieg mit Sicherheit und schließlich Staatspension.
Der Beamte oder überhaupt jeder öffentlich Bedienstete lebt ruhiger, manche schlafen sogar oft ein. Dagegen hat der Kunde, der gleichzeitig Mitarbeiter einer weltweit aufgestellten Superfirma ist, ein viel bewegteres Leben. Er muss sich jederzeit ein großes Marktwissen erwerben, Aktienkurse verfolgen, seine Marketingkenntnisse verbessern, um schließlich an Traumstränden es zu Hause klingeln zu lassen. Jubelfreude.
Aber es ist härter und als es sich anhört. Manchen freilich macht es geradezu sportlichen Spaß, mehr und mehr Geld zu verdienen, egal wofür. Stärker zu sein als der Nachbar, sich mehr leisten können als dieser, das ist sicher eine gesellschaftliche Haupttendenz. Tendenz des Kapitalismus.
Doch mancher unter den Gewinnern mag auch bedenken, vielleicht: Was ist der Preis? Denn die meisten Marketingkonzepte zielen doch, bei aller Ablenkung und Freundlichkeit der Ansprache und Werbung, auf eine eher sehr durchschnittliche Intelligenz; nebenbei und ganz diskret bemerkt. Der Kapitalismus ist ein Gespenst, meistens unsichtbar. Kritik, Anklagen überfällt es mitten am Tag und lässt sie im Unsichtbaren verschwinden.
Könnte hier der Verkäufer, der sein Kundenopfer zwangsläufig für dümmer halten muss als sich selbst, nicht am Ende…??
ich weiß es nicht. Hier verstumme ich besser und lasse den Dichter Silesius singen:
„Was sind wir Menschen doch? ein Wohnhaus grimmer Schmerzen,
ein Ball des falschen Glücks, ein Irrlicht dieser Zeit,
ein Schauplatz herber Angst und Widerwärtigkeit,
ein bald verschmelzter Schnee und abgebrannte Kerzen.“

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