Die neuen Perlentaucher

Die Perlentaucher verkünden heute im Netz, sie wollen sich ändern, denn es hat sich einiges geändert. Es entstehen frische Lehrsätze für gut informierte Köpfe.
Sie singen es beinah, die neuen Perlentaucher:
„Das Netz ist jetzt die Öffentlichkeit. Was nicht im Netz ist, ist nicht öffentlich. Und das gilt leider für einen Großteil der Zeitungsartikel, die im Netz zumindest nur mit Einschränkungen zu lesen sind, etwa als Epaper, oder die erst lange nach der Printveröffentlichung online gestellt werden. Wir möchten künftig online stehende Artikel so weit als möglich privilegieren.“

Das bunte Netz schlägt das Papier, das Netz siegt, es kann wählen, privilegieren.
Also Zeitungen seid nicht so geizig, zieht mit, sonst können euch die Taucher nicht mehr fischen und ans Licht holen. Hört, höret: Einer der Perlentaucher
„wird sich im Medienticker künftig – neben allem, was er sonst zusammenträgt – besonders deutschen Blogs und Mediennachrichten widmen.“

Blogger sind ihnen schließlich verwandter als die Zeilenschinder der Zeitungen. Also werden sie im Netz stärker auf die Interna, das Innenleben achten, nicht mehr alles beachten,was man in der gedruckten Wüste für wichtig und aktuell hält.

Auf die Geste der Privilegierung folgt nun ein Tonfall der Gnade. Gebildete Sieger triumphieren und grölen nicht.

„Das heißt nicht, dass wir reine Printartikel nicht mehr erwähnen werden,..(…) Auf einen – nur als Beispiel – Habermas-Artikel werden wir natürlich immer hinweisen, egal ob er on- oder offline steht.“
Natürlich, der alte Hase Habermas, lebt er noch, wie geht es ihm? Dem Unvergesslichen. Habermas ist ein alter Kirchenvater der Linken, bei dem die älteren Perlentaucher noch lange in die Schule gingen.
Gut, Habermas, solche Kaliber, klar, aber sie nehmen nicht mehr jeden Papiermist:
„der eine oder andere Tagungsartikel, der nie im Netz zu lesen sein  wird, mag schon mal wegfallen.“
Die Welt ist nicht nur ins Netz umgezogen, „die Welt ist bunter geworden. Und wir wollen diese Buntheit stärker als bisher in unsere Schauen hereinholen.“

Man spürt die Begeisterung der neuen Taucher. Nichts mehr vom Staub der Berufe, kein näselnd Kompetenzgeraune mehr, kein fieses Bankengeflüster, keine Bügelfalten.
Und überraschend jetzt auch noch die Höflichkeit des interaktiven Angebots. Die Perlentaucher geben sich kundenfreundlich.

„ Unsere Schauen werden übrigens ab jetzt auch kommentierbar sein: und wir freuen uns immer über begründete Hinweise auf Themen oder Artikel, die wir übersehen haben.“

Jetzt kann auch noch jeder mitmachen. Man hat das Gefühl, sie beobachten uns genau, die Perlentaucher, sie kennen unsere Vorlieben, unsern Geschmack, unsere Gewohnheiten schon auswendig.

„Auch Abends sind die Menschen im Netz, allerdings suchen sie nach anderen Inhalten. „

Ein herrlicher Satz, eine Vorstellung, wie sie einem Surrealisten im Paris der 30 er Jahre geträumt haben mag. Menschen im Netz.

Doch die Perlentaucher bleiben bescheiden, in der Kritik moderat, sie bieten uns Kunden ein Gespräch an, schlagen einen sehr privaten Ton an:

„Das Tablet bietet die Alternative zum unmöglich gewordenen Fernsehkonsum.“
Unmöglich bedeutet hier:schlecht, miserabel, nicht anzuschauen, aber sie rudern auch wieder zurück und werden wieder versöhnlich:
„Nicht dass die Öffentlich-Rechtlichen nicht manches zu bieten hätten, aber nie dann, wenn man guckt.“

Haben Sie es bemerkt? Die privaten Sender werden strikt negiert. Sie gehören nicht zum gebildeten, rein- virtuellen upper Milieu, in welchem die Perlentaucher mit ihren Kunden verkehren.

Der neue Gesprächston der Perlentaucher deutete es schon an, „es hat sich einiges geändert. das Netz ist jetzt die Öffentlichkeit.“

Den Käse mit der ollen Objektivität schmiert euch in die Haare, wir Perlentaucher sammeln und schauen uns um, nach Lust und Willkür. Wir sind willkürliche Journalisten, mehr Freibeuter als brave Diener der allgemeinen Öffentlichkeit.
Aber die Angebote sprechen doch für sich:_
„Wir bieten künftig von Montag bis Freitag eine willkürliche Auswahl mit je zwei bis drei Videos, Hörstücken und längeren Lesestücken. „

Kann keiner mehr jammern. Die ehmals linken Besserwisser, die Durchblicker der Nation nehmen ihren hoch-mütigen Anspruch zurück. Er passt nicht mehr in die neue Epoche. Unterhaltung und Spannung sind auch im Nachrichtennetz jetzt Pflicht.
Von nun an. Noch einmal:
„Die Auswahl ist willkürlich: Aber stets soll sie für einen schönen Abend sorgen und auch überraschende Inhalte bieten!“

Das klingt stolz und frisch, die Perlentaucher haben sich verjüngt,doch ihr anarchistischer Tonfall ist eben auch ein deutscher. Und deutsch heißt fürsorglich, die deutschen Perlentaucher haben die Träume der Revolution längst begraben, sie brauchen keinen Feind mehr.
Sie sorgen für ihre Kunden, die im Privatleben oft Dinge im Netz versäumen, die wichtig sind. Deshalb schließlich die Kundenpflege:
„Montag vormittag fassen wir dann die vergangene Woche noch mal im Überblick zusammen-“

Die deutschen Perlentaucher geben sich wild, aber sie sind auch sehr ordentlich. Man kann sie lieben oder meiden, nachsagen lassen sie sich nichts mehr. Sie haben gewonnen, die Zeitungen, vergilben schon vor Neid und Missgunst.. .

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