Die Südwestpresse

ist eine völlig normale Zeitung, grau im Gesicht, streng mit der Brille beschäftigt, häufig Bürstenhaarschnitt, Ebayhose, flotte Turnschuh, Jeans, jedoch Krawatte.
Die Brille beschlägt oft mehrmals am Tag. Aber sonst: alles völlig normal.
Ungewöhnlich ist nur ihr Reichtum, die Zeitung ist reich, sie muss sich nicht um die Qualität groß bemühen, sie ist mager, aber das wird hingenommen. Das Problem sind wie überall die Kunden, die gewonnen werden müssen, wie bindet man den Kunden?
Die Oberen sind einer Meinung, man muss elektronisch aufrüsten, etwas tun, mehr tun, den Trick finden, den Schlüssel zur Zukunft der „sozialen“ Medien und Elektronik.
Die Frage drängt: Wie man durch die elektronische Erscheinung den Print ergänzt, aus Papier und Strom ein Medienhaus errichtet? In der Elektronikszene sind deshalb viele sehr dubiose Gestalten und Macher unterwegs. Die Szene erinnert an die Anfänge in den privaten Medien. Auch damals hieß es: Es muss immer mehr Entertainment in die ganze Chose. Heiterkeit, gute Laune. Amerikanische Jokes und Lächeln, „immer nur lächeln“ (Lehar).
Seid ihr alle happy? ( Die Masterfrage.)

Im Lokalteil der Zeitung wird darum einiges ausprobiert. Emotionale Geschichten müssen wir erzählen, sog. „Erlebnisgeschichten“, auch hin und wieder einen „Denkgedanken“, natürlich dosiert, um den Leser da abzuholen, wo er am liebsten ist und sich wohl fühlt. Mehr Sex auch ins Blatt. Hundegeschichten, Frauenprobleme, Homestories, Kosmetiktipps. Usw.

Diese ganze tägliche Soße ist zwar noch nicht ganz reif, schmeckt noch nicht jedem. Das macht aber nichts,sagt der Chef, solange der Leser nicht merkt, dass es eine Innovation ist, die wir letztlich machen, ist er unbesorgt. .
Wir müssen gemäßigt schreiben trotz aller modernen Dinge. Das Medienhaus wackelt noch überall, überall fehlen Steckdosen, Netzteile liegen herum, wir sind eine Baustelle momentan, verkünden die Geschäftsführer der Mannschaft durch die Blume und heizen die Leistungskonkurrenz an. Bald kann jeder zeigen, sagen sie, was er wirklich kann. . Habt Einsicht mit uns,wir tun unser Bestes, schreibt der Marketingchef an die Abonnenten. Ruhig Blut, wir leben in einem welt- historischen Umbruch. Das soll man ja nicht vergessen. Nichts mehr ist wie früher. Doch vieles in unseren Köpfen Kopf stammt noch aus dieser Zeit.

Im Mantel- und Wirtschaftsteil ist man bewusst von gestern. Dort kommen die internationalen Agenturen zu Wort und eine Handvoll Redakteure darf sich Zeit nehmen, um einen Bericht über einen krassen Fall oder sogar einen Leitartikel zu verfassen, der im Trend liegt. Zwischen BILD, taz und ARD Journalismus, halt regional umbrochen. Im Ton moderat, alt-herrenhaft, immer noch an der alten Objektivität orientiert; wonach bekanntlich auch auf der anderen Seite des breiten Meinungsstromes die Argumente bürgernah vermittelt werden müssen. Immer noch nach der alten Devise, die Tatsachen müssen erst lauwarm werden, bevor wir sie essen können.
Der geborene Leitartikler ist eine Mischung aus Oberlehrer und gescheitertem Künstlergenie. Im Lokalredakteur hingegen herrschen nicht selten Rockermanieren, woher sich ihm jederzeit Zugänge in die Welt der Unterschichten eröffnen.. Er weiß oft genau,was das Volk lesen möchte, natürlich mit einigen geilen Fotos dazu. Doch das Milieu auch in der Redaktion drückt ihn nieder, sodass er seinen Fall nie klar genug beschreiben kann.
Die Zeitungsszene ändert sich generell, aus den „Fabrikarbeitern des Geistes“ (Schopenhauer) entwickeln sich Marketingdenker, die kein Buch mehr lesen müssen, dafür die Statistiken in- und auswendig kennen.
Die Situation der Zeitung ist brüchig, wenn das Medienhaus erst einmal steht und floriert, ist es gut möglich, dass sie das Blatt an ein anderes Unternehmen verschachern und dafür Aktien kaufen bei einer führenden,weltweit aufgestellten Gurkenfabrik.
Die wirtschaftliche Lage bleibt hart, auch wenn wir dazu sehr viel lächeln müssen, immer nur lächeln. (Lehar) Das macht müde und erzeugt jetzt bei sehr vielen Lesern Tinitus.

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