Die Seuche der Superlative

Wer jemand wirklich liebt, eine Person oder ein Werk hochschätzt, braucht dazu nur selten viel Superlative. Und schon gar keine Mega-Ausdrücke. Er weiß sein Lob aufs höchste zu umschreiben, erzählt eine originelle Anekdote nach der anderen oder bringt ein Zitat des Gepriesenen, das sehr gut und erst recht für ihn spricht.
Statt die Attribute zu verwenden, mit denen sie Waschmaschinen, Rasenmäher oder Schlagersänger anpreisen. Jeden besseren Fußballer, jeden ordentlichen Schriftsteller schreien sie zum Weltchampion aus, sodass dieser Sprachmissbrauch, wie er auch auf allen möglichen Firmenwebsites wahrzunehmen ist, keinen Zugang mehr findet zu dem,was man früher einmal gutgläubig den „siebten Himmel“ nannte. Seit dem berühmten Rennpferd, das Robert Musil als Genie karikierte, steigt die Flut der Superlative.

Frank Elstner, jedermanns Fernsehliebling und Frank Schirrmacher, Herausgeber der FAZ, treiben es mit den gigantischen Wörtern und Metaphern am ärgsten, und wie sie glauben: sogar am buntesten. Letzterer hat jüngst Rachel Salamander als der aktuellen Schillerpreisträgerin die Schleppe seiner Laudatio angetragen. Wer immer die Dame von Welt sein mag, die gewiss beste Beziehungen zu den großen und größten Persönlichkeiten der Welt unterhält, das glaub ich gern – mit dem deutschen Dichter Enzensberger, mit dem russischen Dichter Brodsky und all diesen größten Kapazitäten und Berühmtheiten, – (das muss auch alles zu ihrer Ehre gesagt werden, einverstanden- zumal sie es nicht leicht hatte, als Jüdin nach dem Holocaust in Deutschland,) – aber soviel superlativisches Edelholz, wie Schirrmacher es ihr vor die Füße warf, hätte noch nicht einmal Friedrich Schiller selbst annehmen können, ohne zu erröten. Ich hatte wirklich für einen Moment den Eindruck, die ganze neuere Literaturgeschichte von Lessing, Schiller bis Rachel Salamander muss noch einmal neu geschrieben werden. So ungeheuer weit hinauf trieb Frank Schirrmacher seine Lobrede auf Frau Salamander. Dass er sie nicht wie einst den Oli Kahn, den Torwart, zur Titanin deutscher Sprache und Literatur ausrief, fehlte gerade noch, hätte mich aber auch nicht mehr sehr gewundert. Denn er benahm sich einfach wie ein alter Gimpel, der eine schöne Frau erobern will und dabei zu Sprüchen greift, die man ihr jeden Tag dutzendweise darbringt.
Ich fühlte erst wieder festen Boden unter meinen Fittichen,als ich die Schiller-Rede der Rachel Salamander selbst hörte. Sie handelte wenig von Schiller, war aber schlicht und ernst gehalten, erzählte ihr biografisches Los als Jüdin nach dem Holocaust in Deutschland, von ihren Germanistikstudium, von ihrer Buchhandlung, die inzwischen weltberühmt ist und täglich von sehr
prominenten Personen besucht wird.
Doch ja, doch, sie gab sich sehr bescheiden, redete wie im einfachsten Pulli und schicken Jeans, während sie davor in Schirrmachers Laudatio nur in feinsten Abendkleidern erscheinen durfte, dazu mit teuren Diamanten überall in Haar und Garderobe.

Ich habe den Eindruck, sie gebrauchen heute die Superlative so inflationär und viel zu häufig, weil sie unsicher sind, weil sie sich damit selbst Mut machen wollen. Riskier eine Lippe, ihr innerer Weckruf, sag, wer für dich der Größe, die Größte, das Genie des Jahrtausends. Trau dich was. Genial daneben liegen hat auch was.
Auch bei geringerem Anlass fiel mir das neulich auf, als ich in einer Rede für einen Industriellen auf einen Gedanken seines Unternehmens kommen wollte, da unterbrach er mich: ist Gedanke nicht zu wenig? Ich verstand ihn zunächst nicht, dann aber merkte ich wohl, dass er lieber ein Wort wie Konzeption oder Philosophie hatte, da fühlte er sich sofort wohler, auch größer und stärker. Gedanke war nun doch ein bisschen wenig für ihn und seine Firma, Grundgedanke zog auch nicht, war ihm zu deutsch. Wir einigten uns schließlich auf Restrukturierung, das gefiel ihm, da strahlte er wieder ein bisschen.
Und sein Publikum war natürlich auch gleich feierlicher gestimmt, als ihm das bei dem bloßen Wortlaut eines Gedankens je möglich gewesen wäre.

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