Zu Karl Kraus und 1914

Der wahre Kriegsgrund 1914 besteht in der Vernichtung des Geistes,in dem man diesen in einen Betrieb umzuwandeln versuchte, der auch die Erscheinungen des Schreckens und der Apokalypse noch in ein ordinäres Gesprächs- Feuilleton umsetzen konnte. Der Missbrauch des Goetheschen Gedichts „Über allen Gipfeln..“zu Kriegszwecken ist dafür nur ein Beispiel. Ein anderes ist das barbarische Rumänienlied ( Zitat:“haut sie, dass sie Lumpen kotzen“) des bis heute hochverehrten Literatur-Kritikers Alfred Kerr. Hier wird alle Andacht, Geschmack und Aura einer geistigen Tradition zerstört. Die Traditionalisten treten ihr sog. Heiligtum der Tradition mit Füßen und grinsen behäbig dazu.

1914 ist es aber noch nicht so weit, wie 1922, als Kraus der vernichteten Tradition dann mit der Umkehrung ihrer höchsten Bildungsmaximen begegnet. .Gesucht sei jetzt, so Kraus in der Polemik: „ Die Kinder der Zeit“, „ was dem mechanistischen Verstand verhasst ist, der Phantasie durch Pferdekräfte ersetzt hat. Die Aufklärung, die alles aufklärt,was ihr verschlossen bleibt, lehre uns den Inhalt der Finsternis lieben.“
Es liest sich wie das Vorwort zur Dialektik der Aufklärung Theodor Adornos.
Das Licht muss künstlich sein, fortan, das in diesen Inhalt der Finsternis leuchtet.
Deshalb kann der Christ auch nicht länger bloß Hirte sein, sondern ist als Feuerwehrmann gefragt: „ Seid Christen aus Notwehr! Glaubt an die Kraft, wo sich die Schwäche analytisch rächt, an Seele, wo nicht Raum ist für Psychologie! Salbt euch mit den Vorurteilen, deren Wunderkraft die Urteilsfähigkeit bezweifelt.“

Verflogen scheint die Hoffnung von 1908, als Kraus in einem offenen Brief an das Publikum seinen Lesern sein Schreibmotiv enthüllt: „ Nun, ich wollte den Lesern helfen und ihnen den Weg zeigen, der zur Entschädigung für den Ausfall an Sensationen führt. Ich wollte sie zu einem Verständnis für die Angelegenheiten der deutschen Sprache erziehen, zu jener Höhe, auf der man das geschriebene Wort als die naturnotwendige Verkörperung des Gedankens und nicht bloß als die gesellschaftliche Halle der Meinung begreift. Ich wollte sie entjournalisieren“

In dieser erzieherischen Disziplin übt sich auch der Nörgler noch in den ersten 3 Akten der Menschheitstragödie, wenn er seinem Sparringspartner, dem Meinungsmenschen und Optimisten, die Zeitungs-Phrasen zerpflückt.

„Es handelt sich in diesem Krieg“, setzt der Optimist einmal an, der Nörgler unterbricht ihn jäh -„ ja es handelt sich“. Natürlich. Es ist auch ein Handelskrieg, den man immer schon hat. Der Handel ist wie noch heute: Kriegerisch auch im Frieden. Das ist aber nicht die ganze Ursache, sondern bloß eine Folge. Die schwarze Messe von 1914 zielte, in den Metaphern des Fackelkraus verstanden: auf die Verwandlung von Druckerschwärze in Blut.
Schon 1908 verweist Karl Kraus auf die echte Gefahr des Unterganges: „ Der wahre Untergang der Welt ist die Vernichtung des Geistes. Der andere hängt von dem gleichgültigen Versuch ab, ob nach Vernichtung des Geistes noch eine Welt bestehen kann.“
Der Satz ist aktuell-gültig geblieben, denke ich…

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