Ansicht-Sachen

Was so alles geschieht, heißt ein Titel des englischen Autors George Gissing. Es muss ja alles zu einer Welt im Bewusstsein zusammengefügt werden. Da gibt es kein Ausreden. Manche tun sich damit gar nicht schwer, sie haben eine Hausapotheke von lauter ideologischen Satzteilen, die sie als Ellen an verschiedene Erscheinungen anlegen, um zu einer Kausalkonstruktion ihrer Anschauungen zu kommen. ( Ich denke an Georg Lukacs z.B, Thomas Mann,
aber auch an Schlagersänger wie H. Grönemeyer oder an irgendwelche Moderatorinnen und Models des Fernsehens.)

Sie haben für alles,was sie wahrnehmen eine Erklärung, die sie wie ein Credo vor sich her tragen. Diese Sorte Mensch ist besonders für die depressiven Patienten eine fortwährende Qual. Für den Komiker gibt sie das Futter, welches er umdreht und noch einmal umdreht, dass die Leute gehörig lachen sollen. Es spielt keine Rolle, ob diese Leute wissen ,warum und worüber sie so lautstark lachen müssen. Es geht sie nichts an, Hauptsache der Abend verläuft einigermaßen vergnüglich.

Andere Hobbytragiker wie ich suchen in den Verdrehungen und Umkehrungen jeder Geste, jeder Gebärde, jedes Wortes des Hauptkomikers ständig einen tieferen Sinn. Eine verborgene Botschaft, die Aufschluss darüber gäbe, wie diese Welt im Bewusstsein wirklich eine ganze ist, oder scheint, oder sein könnte. Nicht die Faustfrage, was diese Welt zusammenhält, sondern: Erhält sie tatsächlich zusammen etwas? In meinem Bewusstsein ja, aber ist dieses Bewusstsein nicht nur reiner Zufall?
Welches etwas? Ich denke, dieses Ur-teil können weder der philosophische Begriff, noch die Ideologien, noch die Heilkunst und die Weltanschauungen, noch die Religionen erfassen. Dies ominöse Es ist nach meiner Erfahrung einzig in der poetischen Stimmung erfahrbar. Die poetische Kraft des Ganzen in einem Werk, sei es ein Gedicht oder ein längerer Text, ist auch die Kraft des Glaubens in einer Religion, wofern sie lebendig ist. Glaube und Poesie haben diese gemeinsame Wurzel der poetischen Stimmung. Alle rationale und rationalistische Kasuistik verfehlt und negiert diese Stimmung.
Kurz gesagt: Die physikalischen Fakten und Wirkungen sagen mir viel weniger über das Ganze meiner Welt als z.B. ein Landschaftsbild von Jacob Izaaksoon van Ruisdael.

Ich erinnere mich eines großen Landschaftsbildes von ihm, mit mächtigem Himmel und riesig hohen Bäumen. Darunter am Wegrand des Bildes wird ameisenhaft klein ein Gefangener von drei Bütteln in Ketten abgeführt. Eine Miniaturansicht des Verdammten und seiner Wächter, am Rande einer gewaltigen, übermächtigen Natur.( Diese zur Hälfte wild,zum anderen scheinbar geordnet.)
Ich weiß nicht mehr, wo ich es gesehen habe, ich vermute in Braunschweig, doch das Bild ist nach 30 Jahren immer noch in meinem Bewusstsein. Jede Beschäftigung mit diesem Bild, jedes Gedenken an diese Stimmung, als ich es das erste und einzige Mal sah, bestärkt mich in der Gewissheit, dass es dieses etwas geben muss.
Ich darf ihm nur keinen anderen Namen geben, das könnte die Stimmung sonst sofort verscheuchen.
Mir hat auch die asiatische Vorstellung, dass die Welt auf einen Grund-Ton gebaut ist, der unzersțrbar ist und der, Рwenn man ihn h̦rt, ihm gehorcht, w̦rtlich gesagt, dann werden die Wege, von dieser Stimmung des Grundtons getragen, leichter, begreiflicher, sinnvoller, nach und nach.

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