Konzepte aber keine Träume

Einige der Großrechner und Wirtschaftsgrößen kommen allmählich zur Einsicht, dass sie auch einige Träumer in ihren Betrieben dulden und auf die Gehaltsliste setzen sollten. Freilich, wie schreibt man die Stelle aus? Auch die technischen Hochschulen denken bereits an eine mögliche Planstelle für einen Träumer (bzw. Träumerin), auch die Stadtparlamente, die ohnehin schon einige Kulturinstitute subventionieren, brauchen für ihr Marketing eine zeitgemäße, hochmoderne Träumerin. Es ist nicht damit getan, dass man regelmäßig einen alten Nachtwächter durch die Altstadt tappen lässt, mit Lampe, historischem Kostüm und allem Trara. Man braucht auch aktuelle Träume. Topaktuelle Visionen in die Zukunft, wie man sagt.

Der Weltweise und Franzose Claude Levy Strauss schrieb davon, dass in der Geschichte nichts übrig bliebe als die Gewerke und Werke der Kunst. Warum wissen unsere Großsprecher davon nichts? Den Dichter Horaz liest und bewundert man immer noch auf der ganzen Welt, der bekannte Holzhändler und der Großkaufmann des Tuchhandels damals haben keine Namen mehr, sie sind kurz nach ihrem Tod schon vergessen worden. Sie tauchen nirgends mehr auf, es sei denn in verwandelter Form, als Figuren in den Komödien des Plautus und des Terenz.

Aber irgendwas treibt sie um , die Rechner, die Finanzexperten und Wirtschaftler von heute. Immer wieder in den trockensten Gremien fällt das Wort Traum plötzlich auf. Irgendeine Vision müssen sie, in all diesen Gremien, bekommen haben.
Wir brauchen einen Traum, sagt der Controler eines Großbetriebs, da helfen uns die Werbeagenturen wenig. Wer könnte uns einen Traum liefern, der unsern Betrieb in eine faszinierende Zukunft stellt?So beinah feierlich redete der Controler.
Der Marketingleiter des Betriebs wirft ein: „ dazu müsste zuerst einmal ein Konzept her, für einen solchen Traum“.
Der Betriebsrat Heinz Bader widerspricht ihm sofort. „ Träume müssen kommen, die musch komme lasse, die kannsch net bestelle, Herr Kollege, entschuldige, aber ich halte die ganze Träumerei für ein hochbrisantes Abenteuer“

Solche Gremien-Gedanken schleichen zur Zeit überall herum. Natürlich reden die sachlichen Leute nicht expressis verbis und direkt vom Traum und vom Träumen: Sie nennen’s dafür Kreativität, Gestaltung, moderne Ästhetik.
Sie suchen einen Traum, der in ihre Konzepte passen könnte. Sie verstehen nicht, dass der Traum, gäbe es ihn plötzlich, träte er jäh ans Licht, ja alle ihre Konzepte ändern, umwerfen müsste. Der Traum schüfe ja ganz von selbst neue Verhältnisse und die Konzepte hoppelten in neuen Badekostümen rasch hinterher. Das verstehen sie nicht, die Konzeptmenschen mit ihren „Designeremotionen“, wie neulich ein Russe, der Deutschland besuchte, zielsicher bemerkte.
Sie können weder Träumer noch Träume bestellen, sie können sie zulassen unter sich, auf traumhafte Angebote beherzt zugreifen. Sie können sogar Traumkongresse veranstalten für Fußballer und Bankangestellte, Frisörinnen und
die Damen des öffentlichen Dienstes. Sie alle würden über ihre Träume reden. Nonstop, live. Film und Fernsehen berichteten darüber. Ein Super-Image für jede Firma.
Konklusion: Nur die wirklich modernen Betriebe können Kunst fördern und neue Träume, die übrig bleiben werden in der Geschichte, wie Levy Strauss sagte. Der Staat,seine Stadtverwaltungen und Landratsämter können das nicht, sie wiederholen nur die alte Kultur und verbünden sich zunehmend mit den Kommerzagenten der internationalen Content&Musikmafia.
Der Staat ist machtlos Träumen gegenüber. Träume verwirren ihn, Träume sind für den Staat unzuverlässig, gar nicht integrierbar.

Träume sind vermischte, gesellschaftliche Phänomene. Millionenfach, viele von ihnen passen nicht nicht einmal ins Fernsehformat, sie verblühen. Träume sind auch wie arme Mädchen, die immer betteln müssen.

Ja,was machen wir bloß mit unseren Träumen, wohin mit ihnen, alle in ein neues riesiges Traummuseum? So der Vorschlag eines großen Möbel-Konzerns.
Wir sind etwas ratlos in der Eurozone. Materiell geht es uns ja nicht ganz schlecht, sagen viele Deutsche, denen es materiell gar nicht schlecht geht. Aber ein Traumleben ist es auch nicht gerade, sagen die meisten, weil irgendwas fehlt? Vielleicht doch ein Traum?
Denn die Konzepte stimmen ja alle soweit, oder ?

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