Was heißt da schon Gegenwart?

In der Gegenwart leben wir alle, natürlich, unnatürlich, wie immer. Aber erkennen wir alle diese Gegenwart, ist sie für viele nicht bloß ein Märchen, das ihnen alle möglichen Medien, Gurus und Berater eintrichtern? Ein Schlüssel, die Gegenwart zu erkennen, besteht in den vergangenen Mustern des Glückens, sagen uns die Alten, etwa in einer Form, auch in einer Lebensform. Henning Ritter, der Philosoph, schrieb einmal, die Gegenwart sei allein mit den Mitteln der Gegenwart nicht zu verstehen, nicht aufzuklären. Man brauche die Schlüssel und Hinweise der Vorfahren, selbst wenn man jederzeit in die Zukunft stürmen will.

Dieses alte Wissen ist immer noch in einigen Köpfen lebendig, doch diese Köpfe will man nicht mehr bezahlen, nicht mehr hören, wenn sie beklagen, dass der Kapitalismus die Museen schließt,während er die Banken mit Milliarden füttert und rettet. Dieser Vergleich sei unstatthaft, real-politisch nicht gedeckt. Unrealistisch. Aber es ist gewiss die Realität, die man wahrnimmt, wenn sie den Musen den Zugang zu unseren Schulen verbieten. Denn, sagen sie, die Musen sind nichts als ein altes Gespensternetz, das nicht den geringsten Nutzen bringt. Was hab ich davon, wenn ein Jüngling brilliant Geige spielen kann, aber sich im normalen Lebensbetrieb nicht durchsetzen kann? Der weder eine Bohrmaschine bedienen kann, noch einen Businnessplan oder eine win win Situation versteht. Wir können nicht die Untauglichkeit und Untüchtigkeit fördern, die Zimperlichkeit und die Wehleidigkeit, nur weil die Musen das vielleicht so wollen.

Sie wüssten ehrlich gesagt, lachen sie, gar nicht, was diese sogenannten Musen überhaupt sagen und singen würden, sie sollen ja sogar singen. Sicher sei Musik etwas Schönes,aber das Leben habe weitaus härtere Bedingungen zu stellen, andere Gesetze, die man mit den Musen niemals bewältigen könnte. Das stehe nun einmal fest.
Diese feisten Vertreter der Gesellschaft und des Staates gab es schon immer, doch früher gab es den Vorteil, dass noch Leute wie Theodor Heuss da waren und andere geistige Autoritäten wie Gollwitzer oder Georg Picht. Vornehmlich Männer, die gebildet waren und deshalb eine gewisse Hochachtung genossen, die sie humanitär nutzten, um den gröbsten Kerlen und Naturen gerade in Landratsämtern, Rathäusern und Kreistagen ganz sanft und nebenbei ein bisschen mores zu lehren.
Diese Autoritäten gibt es in meiner Generation schon nicht mehr, wir hätten sie abgeschafft, sagt man, aber das stimmt nicht, wir haben sie nicht mehr erleben können,es waren zu wenige übrig geblieben nach der Nazischeiße. Viele, die sich vor uns aufbauten, als wären sie wichtig oder irgendwie maßgebend, waren sogar Nazis oder mindestens halbe Nazis.
Die Jüngeren jetzt kennen fast nur noch Stars und Idole, die sie nachahmen, das genügt, sie wollen keine weitere Erziehung, sie wüssten nicht, was sie sich unter einer Autorität vorstellen sollen, wie Bismarck sie verkörperte, Rathenau, Einstein, Robert Musil, zuletzt noch Karl Valentin; dann kam ja schon der Riss, der Absturz in die braune Apokalypse.
Aber ich sprach ja von der Gegenwart, ist sie von diesem Absturz und nach dem Diktat der braunen Knechte und ihrem Schrecken, noch heute davon berührt oder bestimmt? Die braunen Knechte bekamen wieder Kinder, und innerhalb meiner Generation erkenne ich diese Abkunft sofort. Ich habe sie in den radikalsten linksradikalen Maskierungen und Larventänzen schon entdeckt. Viele dieser Söhne der einst braunen Knechte besetzen heute Spitzenpositionen,
man erkennt sie gut an ihrer Kunstfremdheit, mit der sie die Gegenwart prägen.
Das heißt, sie haben natürlich nichts gegen Kunst, sie haben nur kaum Zeit für sie. Leider, sagen sie auch noch, fast sofort. Im mittleren Management kenne ich Frauen, die lesen sogar wieder Gedichte. So ist es also nicht. Nein, nein das ist Kultur, die gibt es sogar in Mengen. Kultur ist heute neben dem Sport und der Unterhaltung ein dritter Sektor in der gesamten Freizeit, grob geschätzt.
Aber ich sprach ja nicht von Kultur, sondern von Kunstfremdheit. Und in der Gegenwart ist klar zu beobachten dass sich die Kunstfremdheit nirgends besser verstecken kann als in der großen Event-Live und Pop&Gesellschaft.

Die Generationen der Gegenwart verloren den Faden zu den Vorfahren, das geschichtliche Denken haben sie verlernt oder in eine Ecke geschmissen.
Das heißt nicht, dass nicht genügend Kulissenzauber mit den exotischen Momenten der Historie betrieben würde. Einer Inka-Ausstellung folgt die nächste,
die Ägypter oder die großen Kaiser sind immer wieder gefragt und sehr beliebt. Nein, nein in der Gegenwart verwechseln die meisten die Historie mit der Tradition, die eben vollkommen verloren geglaubt wird. Ist das nicht alles bloß ein großes Mißverständnis?
Die berühmten Auguren und Großsprecher der Epoche behaupten immer wieder, übrigens nicht ohne Behagen, dass diese Tradition unwiderruflich verspielt worden sei, ein giftiges Geschenk vom Hitler, das fassen wir nicht an. Mit solchen Thesen kann man in den Medien immer noch eine gehörige Gage herausholen.
Die Gegenwart als Ideologie, von ihr selbst verfasst.
Ich interessiere mich bis heute für diese rätselhafte Gegenwart, die nichts über sich weiß, deren spezielle Blindheit man frühestens in hundert Jahren klarer sehen kann.
Zugegeben; Ich kann meine Frage nicht beantworten, kein einheitliches Bild der Gegenwart, in der ich lebe, zeichnen. Nur Fragmente davon, winzige Anzeichen eines übernatürlichen Willens oder Wesens, das schon.
Das ist nicht viel, natürlich, doch eines scheint mir sicher, Wurzeln der Weisheit werden in dieser Gegenwart nicht mehr zu finden sein. Ich beschäftige mich darum schon seit Jahrzehnten mit Fluchtwegen und Ausreiseplänen. Sie sind schon fast ein Hobby geworden.

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