Karusell ums Symbol der Epoche

Manchen Medienstars ist ihre erotische Tüchtigkeit direkt anzusehen, die sie hinter den Bühnen nach oben zu den grellen Lampen kommen ließen.
Ich nenne natürlich keine Namen, um diese geht es doch gar nicht. Auch habe ich nichts gegen erotische Ausschweifungen, die sich arme Leutchen von Bankbossen und Kaufland-Oligarchen gerne bieten lassen. Sie wollen auch noch ein Stückchen vom Kuchen,bevor‘ es zu spät ist. Es geht nicht um die hündischen Dienste, für welche die Wohlgesinnten und dick Gepolsterten gut, ja sehr gut bezahlen.
Das ist schon immer so gewesen.
Weh tut viel mehr, dass die falschen Leute die Signale setzen dürfen, die uns alle in den Abgrund reißen, statt vor diesem Abgrund uns zu warnen.
Das gilt vornehmlich für die Literatur-und Filmkritik.
Jetzt werden einige sofort seufzen: Literatur Oh Gottigitt, ist das heute wirklich noch wichtig und Filme, naja.
Unsere Kulturträger sind auf der U-wie auf der E-Schiene müde geworden. Sie glauben nicht mehr an das kostbare Zeug, das sie an Sonntagen brav vor sich her tragen. Als Insignien der Zivilgesellschaft, wie sie alle immerzu sagen, als wüssten sie genau,wovon sie reden.

Schicke Damen bemitleiden im Fernsehen zerzauste Männer, die nichts mehr werden konnten, da ihnen Frauen vorgezogen wurden, jedes Mal.
So ging es uns Frauen früher auch, Jahrhunderte lang. Wenn überhaupt etwas lief,dann nur über die erotische Hintertreppe, wo heute viele Männer Schlange stehen. Feilbietend ihr Innerstes und Äußerstes.
Die Moderatorin, die das rüber bringt, trägt ein feuerrotes Kostüm und grüne lange Haare. Ihr Sprechtempo ist frivol, ihr Lächeln mild.Sie ist ein Symbol der Epoche.

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Die Themen, bitte

sagte der Chefredakteur immer, der müde vor Ausgeschlafenheit und an seiner Kaffeetasse hängend, zu den Redakteuren. Diese platzten sofort los und bestritten ihre Vorschläge gegeneinander. Denn was könnte die Hörer, „unsere Hörer“, wirklich wieder einmal vom Hocker reißen, auf die Palme bringen, hammermäßig antörnen? Natürlich, nur ein Thema, und sei es das wichtigste, genügt allein nicht. Es muss skandalverdächtig sein. Wie wär’s heute mit Kindern? Schließlich werden in Deutschland jährlich Tausende von Kindern misshandelt, verletzt und sogar getötet, während Millionen anderer Kinder mit Bildungsnähe ihrer gut ausgebildeten Eltern verwöhnt, verhätschelt und zu Tode betreut werden. Sie müssen eines Tages mit ihren Erfolgen die Eltern noch größer herausbringen aus ihrer Anonymität, sie möglicherweise sogar reich machen. Es wird sich gewiss lohnen, in die Kinder viel Geld und Mühe zu investieren. Das liegt im Trend. Sie sollen in besten Bedingungen ihre Karrieren starten.
Aber das Thema haben sie doch alle längst abgefrühstückt. Der Spiegel, die Welt und alle, wirft Marco sofort ein. Der Chefredakteur nickt, nein, macht ihn auch nicht sofort wuschig, er wischt den Vorschlag vom Tisch.
Ältere Frauen- wie wär’s damit, meint Margit, die Moderatorin.
Wie, was ist mit älteren Frauen, gibt Heiko sich überrascht, was meinst du damit?
Ja, die Binka Mischa
Bascha Mika, korrigiert sie der Chefredakteur grinsend.
Ja oder so, jedenfalls diese ehemalige Chefredakteurin der TAZ hat darüber gerade ein Buch geschrieben und die Zeit hat dazu einen ziemlich abgehobenen Scheiß gebracht, wir könnten das ja ganz anders aufziehen..
Ältere Frauen, ich weiß nicht, sagte jetzt Elke, sonst für den Sport zuständig, was sollen die machen? Mutiger sein, Margit reagierte etwas aggressiv jetzt auf Elkes verächtlichen Tonfall..Du siehst auch schon ziemlich alt aus, dachte sie wahrscheinlich,während der Chefredakteur sich amüsierte über den kleinen Zoff..
Ist es nicht köstlich, wie sie um seine Gunst ringen, das war seiner Miene jetzt abzulesen.
Es entstand eine Pause. Wer würde als nächster seine Ideein den Ring werfen? Bisher kam nicht ein Hauch von Konsens auf. Weder die Kinder noch die älteren Frauen hauten richtig rein.
Ältere Frauen, resümierte der Chefredakteur jetzt die Stimmung, hatten wir nicht gestern erst die Mütter? Nein Kinder, unsere Zielgruppe sind doch vor allem die jungen Leute, die Aufsteigertypen sowohl, als auch das ganze Chilling-People.. er lacht – jung eben jung..
Helga, die Sozialtante stöhnte, sie fand den Chef grässlich eitel, sie konnte ihre Abneigung gegen ihn kaum verbergen, natürlich hatte sie auch ein Thema, ein ernsthaftes wie immer, aber das würde sie dem Zyniker heute nicht zum Fraß vorwerfen..
Da kam Walter aus der Deckung, gleich mit einem Witz über die Vergreisungstendenzen der betreuten Jugend;.. der Witz kam nicht an. Also nein, jetzt ernsthaft, riss er sich zusammen, schnellte aus dem Sessel mit dem Oberkörper super nach vorne und der rechten Hand in die Höhe, als wolle er sich wie in der Schule melden..Nein ernsthaft, setzte er noch einmal an, Thema Fußball, der klassischr Mittelstürmer stirbt aus, man braucht ihn nicht mehr, man spielt nur noch mit hängenden Spitzen.
Wie bitte? Die Menge wusste nicht, ob Walter wieder einen Spaß ausprobiert oder ob das Thema wirklich brandeu sein könnte? Was verstand Walter denn vom Fußball? Er redet doch sonst immer nur über Kunst und Politik..
Elke, die Sportlerin war gefragt, sie macht ein verkniffenes Gesicht, als ob sie schmerzhaft nachdenke..
Der Chefredakteur steckte sich jetzt eine Zigarette an und bügelte das Thema ab, er hasse den Sport, Mist, Sport, vor allem Fußball, nein, nein..
Er gab sich enttäuscht und den Redakteuren das Gefühl, dass er ein bisschen mehr erwartet hatte. Jetzt müsse er eben wieder selbst recherchieren, er schickte die Horde hinaus und rief gleich in Berlin an, im Haupstadtstudio. Mit Gerd, dem Chef dort, hatte er eh noch einiges Private zu besprechen. Sein junger Sohn Mario weilte zur Zeit in Berlin. Außerdem musste er Gerd schon einmal klar sagen, dass die alte Tante, die er dort im Sender beschäftigt hielt, die olle Friedmann, ihm schrecklich auf die Nerven geht. Sie klingt wie ein kaputter Blechofen, Gerd. Ehrlich. Wir haben junge Hörer, Gerd, das weißt du.
Die Redakteure verliefen sich etwas ratlos in den zwei Stuben.

Der Redenschreiber

(Erste Notizen und Gedanken.)
Ich soll eine Abschiedsrede für einen Mediziner verfassen, der über 30 Jahre lang erfolgreich als Oberarzt und Operateur an einer Klinik arbeitete und jetzt gehen muss, da er das Pensionsalter deutlich überschritten hat. Normalerweise ist das kein Problem, man erfindet elegante Formeln des Dankes an Kollegen und Mitarbeiter, lobt noch einmal in dezenter Weise die Geschäftsleitung und plaudert ein bisschen aus der Erfahrungstasche.
Schön, an dieser Stelle machte sich ein Bonmot sehr gut, eine kleine Humoreinlage, dass das Auditorium erst einmal lachen darf, bevor der Redner dann zu einem besinnlichen Rückblick auf die Jahre der gemeinsamen Arbeit mit Kollegen und Patienten anhebt. Hier könnte die Reflexion auf die tiefere Erfahrung im Beruf von einer glücklichen Begegnung mit einem Patienten erzählen, in einer denkwürdigen Anekdote gipfeln. Ein Erzählmoment trüge Heiterkeit in die anschließende Überlegung, die aus der Anekdote hervorgeht.
(Jetzt eine kleine Pause. )
Perspektivenwechsel auf eine mögliche Innovation, eine Strukturverbesserung für den Modus operandi.Ähnliches.
Der Redner geht nicht in den Ruhestand, ohne einen letzten Vorschlag zu machen, wie man das Potential der Klinik im ganzen noch besser, noch weiter ausschöpfen könnte. Denn, sagt er, wer Arzt mit Leidenschaft ist, kann nie aufhören Arzt zu sein. Er stirbt zuletzt noch in seiner Berufung.
((Der tiefste, schier theologische Punkt der Rede.))

Jetzt erfrischte ein Aphorismus über die Heilkunst die Atmosphäre am besten. Ein alter origineller Satz des Paracelsus, Montaignes, Shakespeares. Damit ruft der Redner nämlich erhabene Geister hinter sich. (Pause.)Jetzt darf er plaudern, persönlich werden, aber nie jovial. Undsoweiter, hier fände sich leicht ein Abschwung zum Schluss.
Doch mein Redner ist ein halber Patient. Nach dreißig erfolgreichen Jahren an der Klinik wurde er in den letzten zwei Jahren immer mehr isoliert. Die Geschäftsführung machte eine Andeutung darüber, ob er für die Patienten nicht allmählich zu alt wäre. Kurz der Redner kam in ein Dunkel, in eine düstere Atmosphäre und fühlte sich nicht mehr wohl. Kollegen, die ihm zuvor vertraut waren, mieden ihn plötzlich, als habe er eine tödliche geheime Krankheit, von der er als einziger nichts wusste. Was hatten sie plötzlich alle gegen ihn, was warf man ihm vor. Er wartete darauf, dass ihm das eines Tages gesagt würde. Aber nichts, Schweigen. Wie soll er nun eine Abschiedsrede halten, so tun als ob alles völlig normal schließlich verlaufen wäre, verdrängen, nochmal vertuschen, was die anderen die letzten zwei Jahre schon vertuschten? Nein, das sollte er nicht tun, er muss diese dunkle Sache ansprechen, aber wie? Auf keinen Fall darf er die Rolle des Beleidigten auch nur andeuten, auch die Figuren Rächer, Ankläger, Kritiker dürfen überhaupt nicht in Erscheinung treten. Ich muss in Worten und im Tonfall eine Gelassenheit erzeugen, aus der heraus er dann immer wieder auf dieses Dunkel zu sprechen kommt. Er spekuliert über mögliche Gründe, Missgunst tritt oft aus verborgenen Quellen des Neides hervor. Jeder ist ja nicht Herr, sondern eher Gefangener seines Charakters. Das erleben wir ja oft,sagt er jetzt beinahe großzügig, seine größere Erfahrung mit allen zu teilen, Konsens herzustellen im Auditorium. Er hat sein Unbehagen, seine trübe Befindlichkeit in den letzten zwei Jahren jetzt deutlich gemacht.
Seine Souveränität besteht jetzt in der Kürze, mit der er diese dunkle Materie abschließt. Das ist die schwierigste Klippe für mich als Redenschreiber und Rhetoriker. Hier muss ich ein Zitat finden, das so zweideutig wie nur möglich ist. Wahrscheinlich finde ich es wieder bei Jerzy Lec, dem genialen Polen oder bei dem Philosophen aus Kolumbien.
Von da ab wird’s leicht. Jetzt kann ich gute Laune verbreiten. Die Zukunft im Ruhestand, der natürlich keiner ist. Der Oberarzt hat bereits bei einer Privatpraxis angedockt, dort wird er in Zukunft weniger aber weiterhin Patienten betreuen und operieren. Von wegen zu alt, hier noch ein kleiner Schlenker zum Jugendwahn, dann gute Wünsche für die Kollegen und die ganze Klinik.
Das war`s? Nein, noch ein letztes Zitat vielleicht von Franz Schubert, der einmal sinngemäß sagte: Was sollen wir mit dem Glück anfangen, wo wir doch alle Reize aus dem Unglück bekommen.

Die sog.Bildung

die Bildung ist heutzutage ein billiges Thema geworden, zu dem jeder Hinterbänkler so seinen eigenen Most beiträgt. Bei diesem weichen Allerweltsthema(soft skill) kommt es nicht so drauf an, was einer hier und da mal sagt. Und so war es gar nicht verwunderlich, dass in Baden Württemberg, dem Land der MINT-Kompetenzen, Herr Andreas Stoch ins Bildungsministerium aufrücken konnte. Herr Stoch ist ein netter Mann, der es sicher jedem recht machen will, der Vieles versteht durch gründliches Abwägen auch externer Meinungen. Jetzt geriet er wegen einer Prüfungsliteratur für Realschüler ins Schwitzen. Denn irgendein Schlaumeier, der es gewiss auch gut meinte, wählte als Prüfungsliteratur das Buch eines Spiegelredakteurs aus. Das erregte spontan einige christlichen Kreise, die ja seit langem wissen, wie der SPIEGEL zum Christentum steht. Also protestieren sie und Herr Stoch wollte dem Protest nicht einfach nachgeben, zumal er die anstößigen Stellen im Buch des Spiegelredakteurs gar nicht so schlimm findet, wie die genannten christlichen Kreise. Doch ist diesen gegenüber natürlich Rücksicht zu nehmen und so beschloss Herr Stoch diesen Leuten eine Alternative anzubieten: Max Frischs Andorra. Ein Rührstück zum Lächeln, das Ganze. Nicht wegen Max Frisch allein, sondern weil Herr Stoch bei dieser Gelegenheit seine honorigen Ansichten zur Literatur und ihrem Bezug zur Lebenswirklichkeit heute, frei und stolz ausführen durfte. Herr Stoch redet nicht allein zum Buch des Spiegelredakteurs und zu den christlichen Kreisen, sondern auch ins Grundsätzliche, zu Gegenwart und Klassik : „ Werke, die der Klassik zuzurechnen sind, eignen sich als Prüfungslektüre, wenn ich Bezüge zur Gegenwart herstellen kann. Deshalb ist es mir so wichtig, dass Jugendliche in der Literatur etwas erkennen können, das sie spannend finden.“
Man spürt sogleich, Herr Stoch ist ein gutmütiger Mensch, er möchte unbedingt eine Verbindung hergestellt wissen, zwischen der heutigen Jugend (Gegenwart) und den Werken der Klassik. Das wollte der Kultusminister in meiner Jugend auch, freilich mit einer vollkommen anderen Begründung. Wir sollten in klassischen Werken geschlaucht und geschliffen werden, im Sinne der MINT fächer heute. Aber das klappte damals alles nicht, weil die Lehrer die klassischen Werke selbst nicht sehr liebten. Sie hörten, da sie ehrlich waren, lieber die Beatles, als dass sie sich gründlich hätten noch auf Schillers Wallenstein vorbereiten können. Auch liefen damals die ersten erotischen Filme im Kino, die unsere Lehrer im Nachbardorf anschauten, um nicht von uns Schülern erwischt zu werden. Unsere Deutsch-Lehrer waren damals die ersten modernen Menschen nach der Nazizeit, sie waren Fans der Moderne, lasen Böll und James Joyce und hatten, um es locker zu sagen, keinen großen Bock auf Klassik, die allerdings wie eisern noch immer auf dem Lehrplan stand. So mussten wir selber schauen, wo wir Spannendes finden in der Klassik. Das war besser als heute, da man den Schülern die Klassik durch Lehrkräfte spannend machen will. Wir leben im Zeitalter des betreuten Lebens. Natürlich.Auch Herr Stoch will ja sowohl die modernen Spiegelleser als auch die christlichen Kreise – alles seine potentiellen Wähler, – nicht unbetreut im Regen der Gegenwart stehen lassen. Herr Stoch ahnt wahrscheinlich nie, wie drollig ich seine guten Meinungen finde. Und ich meine das auch ganz gut, ich finde Herrn Stoch sehr nett, auch seine Alternative Max Frisch Andorra ist doch zum Schießen drollig. Finden Sie nicht? In diesem Frischstück erklärten unsere Lehrer damals die Gefahren des Nationalsozialismus, den andere ältere Kollegen, besonders in den MINT-Fächern, ganz offen noch immer verkörperten.
Heute dagegen, wo die jungen modernen Lehrer grün sein werden und ihre älteren Kollegen vereinzelt noch der CDU anhängen und den christlichen Kreisen, stelle ich mir die Situation der Schüler schwieriger vor. Zwar ist die ganze Klassik ohnehin auf ein einziges Werk reduziert worden inzwischen, und die MINT Fächer sind so verdammt anstrengend, dass sie ihre Spannung überall suchen werden, nur nicht in der Literatur; ganz gleich ob die jetzt vom Spiegel kommt oder von – sagen wir nicht mehr Frisch, – er ist nicht mehr so neu- sagen wir von Peter Handke oder von Ulla Hahn stammt. Es kann nicht anders sein, in der Auswahl der Gegenwartsliteratur als Prüfungslektüre hat noch jede Kultusbehörde daneben getroffen. Zu jeder Zeit. In der Adenauerära las man in der Oberschule den Faust und für die Gegenwart Rudolf Alexander Schröders „deutsche Oden“ in den Gymnasien und in den Realschulen meinetwegen: „ Der Arzt von Stalingrad“ von Heinz Konsalik.( Was würden unsere Migranten dazu heute sagen…?)

In der Willy-Brand Epoche blieb’s beim Faust und für die damalige Gegenwart ließen sie Biermann, Günter Grass und Hans Enzensberger antreten. Man sieht ständige Fehlgriffe, im Blick auf die Jugend. Nichts ist für die Schulpolitik schwieriger zu verstehen als die jeweilige Jugend. Dieser Irrtum folgt einem geheimen Gesetz scheinbar, da wie die Jugend auch die Poesie der Gegenwart für diese, als Umwelt und Stoff der Poeten begriffen, kaum zu erkennen ist. Deshalb ist es besser und sicherer, auf die bewährte Klassik zu setzen, von Schiller bis Goethe; streng nach den Regeln der MINT Fächer abgeprüft, da kann nichts anbrennen, verstehen Sie? Die Jugend hatte es noch nie leicht hierzulande. Aber seien Sie sicher, Herr Stoch, mit der Klassik machen Sie nichts falsch, Gegenwart hin oder her, da gibt’s auf alle Fälle keine Proteste mehr aus christlichen Kreisen

Jugendliche von heute, wissen Sie, können, wenn sie nicht im Elternhaus schon etwas von Shakespeare oder von Adalbert Stifter gehört haben, nicht einfach Peter Handke spannend finden. Da irren Sie sich, Herr Stoch, das stellen sie sich zu einfach vor. Spannung findet der Jugendliche nach wie vor im amerikanischen Kino, in den Charts der Musik und in den diversen Drogenszenen.
Die wenigen Ausnahmen lesen ohnehin eines Tages Shakespeare und Marcel Proust, aber sicher nicht Biermann, oder Andorra oder Julie Zeh. Da haben sie mit ihren Pflichtlektüren in der Schule, Herr Stoch, keinerlei Einfluss. Schade? Ich glaube nicht. Aber es war nett und amüsant wieder mal ihre Ansichten zu hören. –

Getürkte Hoffnung

Ich bin etwas verwundert, das süßliche Gerede über die Ukraine,Ägypten etcetera.geht mir auf die Nerven, ich höre die falschen Zungenschläge. Überall diese demokratischen Frühlingsgefühle, und die euphemistischen Kommentare dazu, als wären diejenigen, die sich dort nach Demokratie und Freiheit sehnen -oder träumen sie nur wieder von den famosen Warenhäusern?- morgen schon waschechte Demokraten sein könnten.

Sie nennen sich Reporter, dabei schönen sie die Rohheit der Zustände dort, die Brutalität und Gewalt, als wäre der Weg in die Demokratie ein Spaziergang in den nächsten Luftkurort.. Als wüssten wir nicht mehr, wie schwer es den meisten DDR-Deutschen bis heute fällt, die demokratischen Regeln zu lernen, ja wie schwer wir uns selber damit taten, lange Jahrzehnte hindurch.

Ich weiß auch noch, welche Illusionen sie für den Balkan herbeireden wollten, als reiften dort seit heute unerhörte „Kirschen der Freiheit“ und der Selbstbestimmung. Dann sahen sie lange weg, als in Ungarn die Faschisten sich zurück gemeldet haben und Todeslisten anfertigten.
Als ich mich beschwerte darüber, dass sie uns ständig anlügen wollten,die Vermittler und Zuhälter der guten Werte, so täten, als wären wir alle blind, schwiegen sie und schnitten mir das Wort ab, ich gefährdete damit ja Gelder, die man aus Europa immerzu erwartete. Doch in Wahrheit hatten wir nur immer dieselben Hände der alten, flugs umdekorierten Sekuritate und Ustascha zu schütteln. Man braucht ja nur die Erzählungen und Romane lesen, die uns ein echteres Bild vom Balkan geben. Aber so etwas lesen die offiziellen Optimisten ja nicht. Der Dichter Catarescu, mit dem ich mich zwei Tage lang unterhalten konnte, sagte mir: es ist alles wie immer, wie früher, als der Irre herrschte, nur eines ist besser und anders, wir dürfen jetzt raus aus dem Gefängnis und reisen.

Hier aber in der Schönfärberei, in den wellness-Medien will niemand den guten Schein stören und wahrhaben, mit welch feisten Typen wir es zu tun haben, die sich dort überall wie neu geboren an die alten Machthebel schleichen. Die meisten Medien erzählen uns wie kleinen Kindern beruhigende Gute-Nachtgeschichten. Sie betreuen unser demokratisches Bewusstsein.
Anscheinend ist niemand in der Lage, die hässlichen und sehr realen Defizite und Folgen des Betonzeitalters im Ostblock zu schildern.
Sie tun lieber so, als gäb es Schlüssel zur Rückkehr ins Freie.
Als bräuchte man für die Freiheit nur ein gewisses Naturtalent.

Sine ira et studio

( das ist dieses unzeitgemäße Latein, wer’s nicht kennt, kann’s gleich googeln.)
aber was wollt ich sagen? Das Internet, vor kurzem noch gepriesen von Sascha Lobo, der Netzkapazität mit dem Irokesen-Schnitt, als brächen paradiesische Urständ rein- virtuell und künftig aus, jetzt von demselben als kaputt bezeichnet, ja es ist schon was dran. Man kann soviele neue Sachen machen, allein mit den Apps, so schön spielen und die Zeit vertreiben, aber man wird eben auch vorgeführt, ausspioniert, seines Privatlebens beraubt. Es ist wie mit dem einfachen Messer, man kann Gemüse schneiden damit für ein gutes Mahl, doch man kann auch seinen Nachbarn erdolchen, im Handumdrehen.
Es ist nicht wie mit dem Wasser, einer einwandfreien guten Sache, die als unser Urahn, der Neandertaler zum ersten Mal an eine Quelle kam, sofort als gut, nützlich und gesund erkannte. Er musste gar nicht Bio drauf schreiben, wie wir heute fast auf allen Dingen eine Art Natur-Stempel hinterlassen müssen.
Das Internet ist nicht echt, es ist eine Vorhölle, in der sich Massen von Zukurz- Gekommenen Luft verschaffen. Meist ist sie heiß oder wird als heiß verkündet. Wie jetzt bei dem netten Herrn Lanz vom ZDF. Er strengt sich so an, nett und professionell rüberzukommen, wie man sagt. Er kriecht seinen berühmten Gästen so gekonnt in den Hintern, um dann unverhofft den investigativen Typus zu geben, der hart nachhakt, den Berühmten sogar penetrant ins Wort fällt. Diesen netten Herrn Lanz hat jetzt eine Masse von Neidern banden-mäßig überfallen im Internet. Sie sammeln Unterschriften: Weg mit Lanz. Die offiziellen Massenmedien, also BILD, Spiegel, ZEIT undsoweiter finden diesen Auftritt unseriös, ja pöbelhaft. Wenn gegen Herrn Lanz etwas gesagt werden sollte, schreiben sie, dann bitte seriös, auf einer angemessen argumentativen Diskurshöhe, so wie heute der bekannte Kritiker Bartetzko, (der selbe hat übrigens die neue Ulmer Mitte über den Klee gelobt und gefeiert und) der doch tatsächlich schreibt, dass unser nationales Entertainment-Niveau früher besser, großartiger war. Also zu Zeiten Katharina Valentes, etwa, oder denken wir nur an die legendären Hörbigers, an Peter Alexander, oder an das hohe Niveau der Vertrottetheit eines Hans Moser. Heute dagegen, klagt Bartetzko, gut, räumt er sofort ein, eine Helene Fischer, ein Justin Biber, nicht dass sie nichts könnten. Nein, sie können etwas. Aber wo bleiben heute die Persönlichkeiten im Schlagergeschäft?
Aber verehrter Herr Bartetzko, wo fehlen die Persönlichkeiten heute nicht, in der Presse? in den Medien findet man sie da zuhauf? Seien sie redlich, wir leben im Zeitalter der Simulacren, der Wiederholungen und Nachahmungen. Alles, selbst ein Präsident wie Gauck erscheint noch wie sein Imitat. Er ist jedes Mal so erwartbar Gauck, dass man sich wie in einem amerikanischen Film vorkommt.

Ich denke, allein die Darsteller sind es nicht, die den Mangel bewirken.
Es stimmt etwas nicht mit dem Licht in der Öffentlichkeit, das Licht ist zu schwach und verfehlt, da greifen plötzlich auch die Strukturen und institutionellen Gebräuche und Sitten ins Leere. Es klingt alles fürchterlich schräg und verstiegen. Vernünftig scheinende Realpolitiker wie Helmut Schmidt verwandeln sich plötzlich in raunende Märchenerzähler. Der alte knorrige Scholl Latour tritt hinzu und stellt Fragen, als wäre er Tacitus, als hätte er mit Karl dem Großen schon im Zelt gesessen und wie unter Männern debattiert.
Es wirkt heute vieles wie in einem Breitwandfilm, als träte gleich Benhur aus der Kulisse inmitten die Medienrepublik.. Oder es ist nett und locker die Atmosphäre wie bei Herrn Lanz.
Dieser Markus Lanz ist für mich ein Erkennungszeichen, ein Signal der Epoche. Jenseits von gut oder schlecht. Hätte ich mehr Zeit, könnte ich spontan eine soziologische Studie über den Phänotyp L. verfassen.
Ich sehe ganz neutral auf diesen netten Herrn, ich verzeih ihm sogar sein idiotisches Klaviergeklimper, ich sehe durch ihn hindurch auf seine Fans, auf meine Tanten, auf die Lehrerinnen meiner Kinder, auf die gestresste Geschäftsfrau, die mit ihrem Mann, der gerade einschläft, sich noch eine Portion Lanz reinzieht. Vor dem Zubettgehn.
Der nette Lanz kann nichts dafür. Er war eben nie in einem Krieg. Und wir müssen endlich aufhören mit dem Aberglauben, dass nur im Krieg Werte wie Authentizität und Persönlichkeit entstehen können. Auch das ein Märchen aus der Antike, in die wir nie mehr zurückkehren können.